Silhouetten von Menschen vor einem dunstigen Sonnenuntergang.

Arbeiten im Hitzestress

Weit verbreitete prekäre Arbeitsbedingungen verschlechtern sich durch extreme Temperaturen von Hitzewellen. Wir zeigen in dieser Serie, wie die Klimakrise Arbeitende belastet, während Arbeitsrechte ausgehöhlt werden.

Deutschland schwitzt sich durch den Sommer, der schon früh Rekordtemperaturen zu bieten hatte. Die Temperatur hat in Deutschland in den letzten Jahren wiederholt Höchstmarken erreicht. Die 41,7°C in Brandenburg am 28. Juni, also noch im frühen Sommer, stellt nun die Höchstmarke dar. Dieses Jahr gab es in einer einzigen Juniwoche mehr Hitzetote als sonst im ganzen Sommer: erste Zahlen belaufen sich auf 5.100 Hitzetote

In Leipzig schmelzen Trambahnschienen, Bauern und Bäuerinnen in Bayern klagen über geringe Ernten und eine wachsende Kluft zwischen Kosten und Einträgen, in unklimatisierten Büros geben die Computer-Batterien ihren Geist auf. 

Der Klimawandel wird uns in Zukunft immer mehr und immer intensiveren Wetterphänomenen aussetzen. Die Notwendigkeit, radikal zu handeln und die grundlegenden Treiber für den Klimakrise anzugehen – das kapitalistische Wirtschaftssystem, das ohne Rücksicht auf Verluste und Profitgier voranschreitet – wird so für alle persönlich spürbar.  

Eine gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der Hitzewelle und wie dagegen zu kämpfen ist, ist kaum wahrnehmbar. Das gilt auch für die Frage nach den unterschiedlichen Auswirkungen von Rekordtemperaturen auf arme oder reiche Menschen oder auf Arbeitsbedingungen in sowieso schon prekären Arbeitsbereichen. 

Stattdessen hat sich die Bundesregierung vor der Sommerpause mit Reformen beschäftigt, die Arbeitsrechte schwächen und in den vorhergesehenen Kürzungen im sozialen Bereich ähnlich rekordverdächtig wie die Temperaturen sind.

Schmelzende Arbeitsrechte im Hitzestress

Extreme Hitze kann zu ernsthaften Gesundheitsrisiken führen, darunter Dehydrierung, Hitzeerschöpfung, Hitzschlag und ein erhöhtes Unfallrisiko. Arbeitgeber:innen sind ab Temperaturen von 30°C verpflichtet, Schutzmaßnahmen gegen extreme Hitze einzurichten, wie z.B. kostenloses Wasser, Jalousien oder den flexiblen Umgang mit Arbeitszeiten. 

Steigt die Raumtemperatur über 35°C, gilt der Arbeitsplatz ohne spezielle technische oder organisatorische Klimatisierung meist ungeeignet und belastet die Gesundheit und Produktivität von Angestellten. In der Konsequenz treibt Hitze ab 30°C Kosten in die Höhe. Ein Hitzetag in Baden-Württemberg kostet unter anderem wegen der belasteten Arbeitskraft schätzungsweise 60 Millionen Euro. Man müsste also Arbeitsbedingungen und -infrastrukturen verbessern, anstatt ihnen die Grundfinanzierung streitig zu machen. 

Arbeitgeber:innen tragen die Verantwortung für die körperliche Unversehrtheit ihrer Angestellten. Dementsprechend müssten sie die Arbeitsstellen auf das kommende Extremwetter vorbereiten. Insbesondere im öffentlichen Sektor fällt dem Staat diese Aufgabe zu, jedoch entscheidet sich die Regierung für das Gegenteil und erschwert Arbeitenden damit willentlich und explizit ihren Alltag. 

Wie prekär die Arbeitsbedingungen von vielen Sektoren auch schon vor den massiven Kürzungen im Sozialstaat sind, wird im Kontext extremer Hitze nochmal deutlicher. Im privaten Sektor steht der Druck, Profit zu erwirtschaften, oft im Gegensatz zu dem gesundheitlichen Schutz der Angestellten.   

Reihe zu Arbeitsbedingungen

Wir möchten in einer Artikel- und Berichtsreihe genauer hinschauen und deutlich machen, wie die arbeitende Bevölkerung von der Klimakrise und den Kürzungen des Sozialstaats betroffen ist – und wie weit entfernt die politischen Antworten von den Realitäten am Arbeitsplatz sind. Egal ob im Krankenhaus, als Postbote, in der Gastronomie oder bei Rettungsdiensten: Alle Lohnabhängigen sind betroffen von einer Politik, die bestehende soziale Ungleichheiten noch deutlich verschärft. 

In diesem Sinne gilt es auch über die verschiedenen Arbeitsbereiche hinaus solidarisch zu sein und uns zu überlegen, wie wir uns zusammenschließen und wehren können. Denn ohne unsere Arbeit geht nichts. Schließlich hat auch irgendjemand Merz‘ Klimaanlage gebaut. 

Du möchtest uns von deinen Arbeitsbedingungen erzählen? Melde dich gerne unter frankfurt [at] sozvu.org


Beiträge

Frankfurter Gastronomie im Hitzestress: hier weiter Lesen.

Weitere folgen…


Titelbild: Alicia Christin Gerald, Icon

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