Freiburger Kliniken im Hitzestress

Freiburger Kliniken im Hitzestress 

Klimawandel heißt: Kliniken im Hitzestress. Beschäftigte in Krankenhäusern ächzen unter den Temperaturen. In und um Freiburg waren die Temperaturen in den Kliniken während der Hitzewelle im Juni teilweise höher als unter freiem Himmel. Wir haben mit Beschäftigten über Arbeitsbelastungen und die Gesundheit von Patient:innen gesprochen.

Pflegekräfte und Ärzt:innen in Kliniken arbeiten unter harten Bedingungen. Schichtbetrieb, Fachkräftemangel, marode Infrastruktur und der Profitzwang an Kliniken machen die Arbeit für viele Angestellte zu einem tagtäglichen Belastungstest. Die Juni-Hitze von 35-40°C im Krankenhaus bedeutete noch anstrengendere Arbeitsbedingungen. Dazu kommen kurz- oder langfristige Konsequenzen für die Gesundheit der Patient:innen. 

»Ein kranker Körper heilt besser, wenn er nicht gegen Hitze kämpfen muss«, sagt eine Assistenzärztin nach ihrer ersten Arbeitswoche während der Hitzewelle. Eine erfahrene Pflegerin erzählt, dass Patient:innen teilweise fiebrige Temperaturen hatten, weil die Körper sie nicht weiter herunterregeln konnten. 

Belastung für Patient:innen

Auf der radio-onkologischen Station betrifft dieser körperliche Hitzestau Patient:innen, die Chemotherapie durchlaufen und offene Wunden von gerader bestrahlter Haut tragen. »Pharmakologisch ist die Frage, wie stabil Medikamente bei den Temperaturen noch sind, geschweige denn ob Chemotherapien so wirken, wie sie wirken sollen«, sagt eine Pflegerin der Station. Die meisten Medikamente sollten nicht bei über 25° C gelagert werden, was nicht mehr gewährleistet war. 

In der Nuklearmedizin betrifft die Hitze Patient:innen, die mit strahlenden Mitteln behandelt wurden. Sie sind in ihren Zimmern isoliert und dürfen diese nicht verlassen. In den Zimmern der Uniklinik Freiburg sind diese Zimmer nicht klimatisiert und erreichten Temperaturen bis 37° C. 

Belastung der Pflegekräfte

Einzelne Kliniken haben auf Drängen der Belegschaft Ventilatoren für alle Patient:innen angeschafft, in anderen bringen Patient:innen ihre eigenen mit. Teilweise mussten Freiburger Krankenhäuser Patient:innenzimmer schließen, weil die Temperaturen für Patient:innen wie auch das Personal nicht mehr ertragbar waren. 

Die Zahl der eingehenden Patient:innen, deren Grunderkrankungen sich wegen der Hitze verschlechtern, ist gestiegen. Patient:innen müssen in der Hitze deutlich mehr trinken. Das ist für die Pflegekräfte in den Fällen eine Herausforderung, wo Patient:innen aufgrund von Alter oder Krankheit schlecht schlucken können. »Alle beschweren sich die ganze Zeit – und zwar zu Recht«, sagt ein Pfleger vom Josefskrankenhaus in Freiburg. Situationen zwischen Menschen eskalieren in der Hitze schneller. In der Notaufnahme wurde die Polizei öfter gerufen und Pfleger:innen müssen auf Deeskalationsmaßnahmen zurückgreifen. 

Pfleger:innen sollen nachts durchlüften und tags die Fenster zu halten. Pfleger:innen sollen darauf achten, dass die Patient:innen genug trinken. Pfleger:innen sollen die Fensterfronten der Kliniken mit Folien und Bettlaken abdunkeln. 

Kliniken im Hitzestress heißt Beschäftige im Hitzestress

Die Verantwortung für den Umgang mit dem Hitzestress in Kliniken tragen die Beschäftigten. Es mangelt nicht nur an Personal, sondern auch an Infrastruktur, die Mitarbeitenden ihre Arbeit erleichtert. Das ist laut einer Pflegerin ein Grund für immer mehr stille Kündigungen, also Mitarbeiter:innen, die nur noch das vertraglich vereinbarte Pensum an Arbeit erledigen. Überstunden werden jedoch im Gesundheitssektor vorausgesetzt, weshalb stille Kündigungen zu Unterbesetzung führen.

Die Temperaturen selbst sind auch für Beschäftigte »zum Teil unaushaltbar«. Eine Pflegehelferin trug bei der Arbeit einen Ventilator, den sie am Kragen befestigen kann. Ärzt:innen denken darüber nach, wo und wie oft sie sich umziehen können, und in welchen Arbeitskontexten man nasse Handtücher in den Nacken legen könnte. 

Profitzwang an Krankenhäusern  

Nicht in allen klinischen Bereichen kann man umstandslos Klimaanlagen einbauen. Wenn Patient:innen auf Station immungeschwächt sind, brauchen Klimaanlagen besondere Filter gegen Viren. Aber dazu kommt auch, dass sich »Klimaanlagen wirtschaftlich nicht rentieren, weil man sie nicht das ganze Jahr braucht, obwohl es natürlich angebracht wäre«, erklärt eine Pflegerin. 

Krankenhäuser wie das Uniklinikum sind ein öffentliches Gut, werden aber als Privatunternehmen geführt, die Profite erwirtschaften müssen. Folglich »muss immer erst etwas Schlimmes passieren, bevor gehandelt wird«, sagte der Leiter der Taskforce Hitze der Uniklinik Freiburg in einem Interview in der Badischen Zeitung.

Die Taskforce wurde Ende Juni eingerichtet, als die Uniklinik ihrer Belastungsgrenze nah kam und über eine Evakuierung nachgedacht wurde. Für kurzfristige Investitionen in den Hitzeschutz musste die Uniklinik 150.000 Euro ausgeben, »ohne dafür gesicherte Finanzierung zu haben. Die Krankenkassen übernehmen in diesem konkreten Fall leider keinerlei Verantwortung«, so der Leiter der Taskforce der Uniklinik.  

Aber entgegen dem dringenden Handlungsbedarf, müssen die Kliniken die Mittel für ihre Infrastrukturen teils selbst erwirtschaften. Die neue Kinderklinik der Uniklinik hat also an Klimaanlagen gespart. Ein neues Gebäude des Ortenau Klinikums in Offenburg hat ebenfalls einen Neubau ohne Klimaanlagen. Stattdessen hat sie gekühlte Betondecken und Frischluftzufuhr, die erfahrungsgemäß wenig wirksam sind. 

Politisch gemachte Krisen

»Seit der Einführung der Diagnosebezogenen Fallgruppen Reform merken wir den Sparzwang überall«, sagt eine Pflegerin. Dabei handelt es sich um ein leistungsorientiertes Vergütungssystem für allgemeine Krankenhausleistungen, bei dem stationäre Behandlungsfälle nach Pauschalen vergütet werden. 

Die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder hat diese Vergütungsform für deutsche Krankenhäuser 2003 verpflichtend eingeführt. Das Ziel war, Lohnnebenkosten der Beschäftigten zu beschränken. Patient:innen werden seitdem möglichst frühzeitig entlassen, damit die Krankenkassenpauschalen die Kosten der Genesung nicht übersteigen. Kliniken bevorzugen seitdem profitable Diagnosen und Methoden und vermeidet solche, aus denen sie keinen Gewinn erwirtschaften. 

Die aktuelle Krankenhausreform der schwarz-roten Merz-Regierung ordnet sich in diese Reihe von Reformen ein, die den Gesundheitssektor zu Waren-, Markt- und Profitlogik zwingt. Die individuelle Gesundheit von Patient:innen und Beschäftigten, kurz der gesetzlich versicherten, arbeitenden Bevölkerung stehen damit in fundamentalem Konflikt.

Krankenhäuser wie in Breisach müssen schließen.Bundesweit droht der Hälfte aller Kliniken die Insolvenz, sollte die Reform der Bundesministerin für Gesundheit Nina Warken in Kraft treten. 

Gesundheit darf keine Ware sein

Dagegen formiert sich unter Beschäftigten Widerstand. Die Gewerkschaft ver.di hat mit den Beschäftigten in den Unikliniken in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm eine  Gehaltserhöhung um 5,4 Prozent für 26.000 Beschäftigte erkämpft. Wären mehr Gewerkschafter:innen an den Kliniken, hätte man mehr erkämpfen können, sagte ein ver.di Sprecher an einer Demonstration gegen den Sozialabbau in Freiburg am 26. Juli. In Freiburg hat sich aus Betriebsgruppen, Gewerkschaften und Linkspartei ein breites Es reicht!-Bündnis gegen den Sozialabbau geformt. Weitere zivilgesellschaftliche und politische Gruppen schließen sich an. 

Solche Aktionsbündnisse haben das Potential, verschiedene Kämpfe zusammenzubringen und einen breiten Widerstand zu formen, um Arbeitsbedingungen für alle und nicht die Profitmargen von wenigen zu verbessern. Proteste gegen die Entfinanzierung von Psychotherapien und die Mobilisierung der Ärztekammern üben Druck von unten auf die Regierung aus. 

Diesen Druck gilt es auszuweiten und gegen die Verantwortlichen in der Regierung und im Parlament zu richten und nicht gegen Sündenböcke, wie Asylsuchende, Muslime oder Bürgergeldempfänger:innen.

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