Der Onlinehandel boomt. Die Arbeit der Paketzusteller:innen ist geprägt von Zeitdruck, körperlicher Belastung und Hitzestress. Wir haben mit einem Zusteller über seinen Arbeitsalltag bei DHL während der Hitzewelle gesprochen.
Schon am Morgen zeigt das Thermometer 28 Grad. Der aus Bosnien stammende Luka (Name und Nationalität geändert) würde den Tag lieber am See verbringen. Stattdessen beginnt der DHL-Zusteller seine Tour – am bisher heißesten Tag des Jahres.
So wie Luka geht es tausenden Paketzusteller:innen in Berlin, die täglich Hunderttausende Sendungen ausliefern. Während die Temperaturen steigen, bleiben Arbeitsdruck und Arbeitsvorgaben nahezu unverändert.
Ein belastender Job
Luka arbeitet seit einigen Monaten für DHL. DHL gehört zu den größten Logistikkonzernen der Welt und ist der größte Paketdienst Deutschlands.
DHL gilt im Vergleich zu anderen Paketdiensten als relativ guter Arbeitgeber. Tarifvertrag und geregelte Arbeitszeiten stehen jedoch einem Arbeitsalltag gegenüber, der von hohem Zeitdruck, körperlicher Belastung und zunehmender Arbeitsverdichtung geprägt ist.
An Hitzetagen verschärfen sich diese Belastungen deutlich. Hohe Temperaturen erhöhen das Risiko für Kreislaufprobleme, Dehydrierung und Hitzschlag – besonders bei schwerer körperlicher Arbeit.
Luka erzählt, dass auch bei Temperaturen von über 30 Grad dieselben Pausenregelungen gelten wie an jedem anderen Arbeitstag. Das macht es unmöglich, sich ausreichend abzukühlen, um mal durchzuatmen und kurz zu akklimatisieren.
Auch bleibt das Arbeitspensum nahezu gleich: »An normalen Tagen muss ich etwa 120 bis 140 Pakete zustellen. An den heißesten Tagen waren es minimal weniger – etwa 110.« sagt Luka. »Dieselbe Pausenzeit, dieselbe Arbeitszeit, es ändert sich eigentlich nichts.«
Luka empfindet die Arbeit bei hohen Temperaturen als »furchtbar. Man wird super schnell müde. Wasser hilft kaum gegen den Durst.« Der Lieferwagen heizt sich dabei zusätzlich auf und wird zeitweise selbst zur Hitzefalle. Während draußen 35 Grad herrschen, können in geschlossenen Fahrzeugen deutlich höhere Temperaturen entstehen. »Das Fahrzeug hat zwar einen Ventilator, aber keine Klimaanlage. Sobald man den einschaltet, wünscht man sich, man hätte es nie getan. Es kommt nur heiße Luft heraus. Es fühlt sich an wie ein Föhn«, beschreibt er.
Der Umgang mit der Hitze
Luka berichtet, dass einige Kund:innen Verständnis zeigen und Wasser oder etwas Kaltes anbieten. Diese kleinen Gesten machen den Arbeitsalltag an Hitzetagen etwas erträglicher.
Als wir ihn fragen, welche Maßnahmen DHL ergreift, um seine Mitarbeitenden vor der extremen Hitze zu schützen, erzählt er, dass sie neben Wasserflaschen an den besonders heißen Tagen vereinzelt mal ein Eis am Stiel bekamen.
Von den angekündigten Kühlsets für Zusteller:innen mit Kühlpads und Nackentüchern hat Luka nach eigener Aussage noch nie etwas gesehen.
Befristete Verträge erhöhen den Druck
Für viele Beschäftigte kommt neben der körperlichen Belastung ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu: DHL stellt neue Beschäftigte zunächst mit befristeten Einjahresverträgen ein. Nach geltendem deutschen Arbeitsrecht sind sachgrundlose Befristungen derzeit grundsätzlich bis zu einer Gesamtdauer von zwei Jahren möglich. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz plant, diese Höchstdauer auf bis zu vier Jahre auszuweiten.
Gerade befristete Arbeitsverhältnisse erhöhen den Druck auf Beschäftigte. Wer sich häufiger krank meldet, Beschwerden über Arbeitsbedingungen äußert oder wegen extremer Hitze sein Arbeitspensum nicht erfüllt, muss befürchten, die Probezeit nicht zu bestehen oder nach Ablauf des Vertrags keine Verlängerung zu erhalten. Arbeitgeber:innen müssen nicht begründen, wenn sie befristete Verträge auslaufen lassen, anstatt sie zu entfristen.
Für Menschen aus Nicht-EU-Ländern wie Luka kommt noch eine weitere Belastung hinzu. Weil sein Aufenthaltsstatus an seine Beschäftigung geknüpft ist, fällt es ihm besonders schwer, Missstände offen anzusprechen oder den Arbeitgeber zu wechseln.
»Mit meinem Visum kann ich nur für DHL arbeiten. Wenn ich den Arbeitgeber wechseln möchte, muss ich vorher wieder eine Menge Papierkram erledigen.« erzählt der Bosnier.
Beschäftigte mit einem von ihrem Arbeitsplatz abhängigen Aufenthaltsstatus befinden sich dadurch häufig in einer noch schwächeren Verhandlungsposition.
Gerade in Branchen wie der Logistik, in denen viele migrantische Beschäftigte arbeiten, verstärkt diese Abhängigkeit den Druck, schlechte Arbeitsbedingungen hinzunehmen.
Die Kombination aus körperlich belastender Arbeit, Zeitdruck und befristeten Verträgen schafft ein Klima der Unsicherheit. Dieses System dient letztlich den wirtschaftlichen Interessen des Unternehmens
Klimakrise ist eine Klassenfrage
Lukas Erfahrungen sind kein Einzelfall. Obwohl extreme Hitze vorhersehbar ist, werden Touren und Arbeitsvorgaben kaum angepasst. Solange die Pakete pünktlich ankommen und die Gewinne stimmen, tragen die Beschäftigten das gesundheitliche Risiko.
Obwohl Arbeitgeber:innen verpflichtet sind, ihre Beschäftigten vor Gesundheitsgefahren zu schützen, gibt es in Deutschland bislang keine verbindlichen gesetzlichen Höchsttemperaturen für Arbeiten im Freien. Viele Maßnahmen bleiben deshalb Empfehlungen oder werden betriebsintern geregelt.
Wer bei extremer Hitze Pakete zustellt oder andere Arbeit im Freien erledigen muss, darf nicht allein gelassen werden. Deshalb braucht es verbindliche Hitzeschutzpläne in allen Betrieben, zusätzliche bezahlte Pausen, eine deutliche Reduzierung der Touren und Arbeitsbelastung an Hitzetagen sowie wirksame Kühlmöglichkeiten in Lieferfahrzeugen.
Beschäftigte müssen das Recht haben, ihre Arbeit bei akuter Gesundheitsgefährdung durch extreme Hitze ohne arbeitsrechtliche Nachteile zu unterbrechen.
Die Geschichte der Arbeiter:innenbewegung zeigt: Verbesserungen bei Löhnen, Arbeitszeiten und Arbeitsschutz wurden nicht freiwillig gewährt, sondern von Beschäftigten gemeinsam mit ihren Gewerkschaften erkämpft. Das gilt auch für den Hitzeschutz am Arbeitsplatz.