Interview mit Annemarie Jacir, Regisseurin von »Palästina 36«
Hallo Annemarie. Vielen Dank für diesen großartigen Film. Die meisten Darstellungen der Geschichte Palästinas beginnen im Jahr 1948 oder vielleicht noch später. Warum war das Jahr 1936 für dich so wichtig?
Der Aufstand von 1936 ist wohl der längste und größte antikoloniale Aufstand, und der sechsmonatige Streik war der bis dato längste Streik. Er breitete sich auf das ganze Land aus. Ich denke, er markiert einen sehr entscheidenden Moment, denn obwohl der Aufstand 1939 niedergeschlagen wurde, bereitete er den Boden für das, was 1948 geschah. Wie du sagst, 1948 ist das Jahr, an dem üblicherweise über palästinensische Geschichte gesprochen wird.
Ich glaube aber nicht, dass man über das Jahr 1948 sprechen kann, ohne zu verstehen, was zwischen 1936 und 1939 während des Aufstands geschah. Die politische Führung wurde ins Exil getrieben. Es gab keine Führung mehr im Land. Jeder zehnte palästinensische Mann saß im Gefängnis oder wurde getötet. Das hatte enorme Auswirkungen auf das Land, und das muss Teil der Diskussion sein.
Wenn wir über Palästina sprechen, ist es meiner Meinung nach wirklich wichtig, die ersten Vorschläge der Peel-Kommission zur Teilung zu kennen.
Das Interessante an der Verlagerung des Zeitrahmens auf das Jahr 1936 ist, dass sich der Fokus weg von den Israelis und den jüdischen Siedlern und hin zu den Briten verlagert. Welche Rolle spielte Großbritannien deiner Meinung nach im Vorfeld des Jahres 1948?
Es war mir sehr wichtig, die Rolle der Briten zu beleuchten. Palästina wird oft als eine der letzten Kolonien bezeichnet. Und alle Lehren aus anderen Regionen, wie beispielsweise Indien, wurden hier in die Praxis umgesetzt. Die Briten und die Franzosen haben unsere gesamte Region nach einer Agenda aufgeteilt, die ihren Interessen diente.
Das spüren wir heute sehr deutlich. Und dies ist immer noch präsent. Ich glaube, vieles, womit wir heute zu tun haben, ist eine Folge davon und der Tatsache, dass viele Regierungen sich immer noch mitschuldig machen.
Was in der Diskussion oft übersehen wird, ist, dass die Nakba im Jahr 1948 zeitlich etwa mit der Befreiung Indiens und der anschließenden Teilung des Landes zusammenfällt. Es ist auch der Beginn der antikolonialen Kämpfe in Afrika und Asien.
Es gibt eine Szene im Film, in der die Männer auf Pferden reiten; und wenn man Arabisch versteht, hört man, dass der Akzent syrisch ist. Ich wollte darauf anspielen, dass es im Libanon und in Syrien einen antikolonialen Aufstand gegen die Franzosen gab. Es gab eine Verbindung zwischen dem, was mit den Palästinensern geschah, und dem, was mit den Syrern und den Libanesen geschah.
Es wird manchmal vergessen, dass antikoloniale Kämpfe häufig miteinander verknüpft sind, oder dass es eine Wechselwirkung zwischen ihnen gibt. Diese Szene ist ein Verweis darauf. In dieser Szene geht es vor allem um die Einheit, die verloren gegangen ist. Wir wollten darüber sprechen, was der Kolonialismus anrichtet; wie er spaltet und trennt. Und wenn wir hören, wie die Figur in dieser Szene über Einheit spricht, dann ist diese Einheit heute leider nicht mehr vorhanden. Diese Strategie des »Teile und Herrsche« hat funktioniert und wirkt nach wie vor.
Könntest du etwas zur Klassenfrage im Film sagen? Wir sehen, dass alle Palästinenser von der Besatzung betroffen sind. Aber sie sind nicht alle gleichermaßen betroffen und reagieren auch nicht auf dieselbe Weise.
Das stimmt. Die soziale Schicht spielt eine wichtige Rolle. Insbesondere dieser Aufstand war ein von Bauern angeführter Aufstand. Dann gibt es noch Khalid, der im Hafen arbeitet. Der Film handelt auch von der Arbeiterklasse und davon, was am Hafen geschah. In diesem Film ging es immer um Gruppen von Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten, die jeweils auf ihre eigene Weise mit den Ereignissen umgingen.
Kholoud, eine Journalistin aus der Oberschicht, unterstützt den Aufstand, allerdings auf ganz andere Weise. Die Menschen sind unterschiedlich davon betroffen. Die Brutalität der Armee beispielsweise ist etwas, womit die Dorfbewohner regelmäßig konfrontiert sind.
Für die Briten in den Städten und im diplomatischen Leben, und für Menschen wie Kholoud und Amir, gab es Partys, es gab Clubs, es gab Bewegung, es gab schöne Zeiten. Auch in den Städten war etwas los. Sie sahen die Brutalität auf dem Land nicht. Und wenn man nichts davon wusste, konnte man sogar so tun, als gäbe es das alles gar nicht.
Oft werden Widerstandskämpfe so dargestellt, als ginge es dabei nur um bewaffnete Männer. In deinem Film wird viel Zeit darauf verwendet, auch über den Widerstand von Frauen zu sprechen. Ich nehme an, das war eine bewusste Entscheidung deinerseits?
Das bildet einfach die damalige Realität ab. Es gab zwar einen Aufstand, aber es waren nicht nur Männer mit Waffen. Das ist nicht das, was einen Aufstand ausmacht. Da ist auch diese Frau, Kholoud in der Stadt, eine Journalistin, die Artikel schreibt und auf diese Weise beteiligt ist. Da ist auch eine Frau auf dem Land, die Mutter des kleinen Mädchens, die niemals zur Waffe greift, aber den Kämpfern Essen bringt.
Das sind alles Momente, die zeigen, was Auflehnung bedeutet. Aber vielleicht nicht in der typischen Form, wie wir Aufstände normalerweise sehen. Der gesamte Film spielt in einem historisch entscheidenden Moment. Aber mich interessieren weniger die Kampfszenen oder Zusammenstöße.
Mich interessieren vielmehr der Vater und der Sohn. Der Junge, dessen Vater auf dem gemeinsamen Heimweg von Soldaten angehalten und durchsucht wird. Die Demütigung, die dieser Junge in diesem Moment empfindet; die Frage in seinem Kopf, warum sein Vater nicht entschlossener reagiert. Warum lächelt sein Vater in diesem Moment, den er als so unangenehm empfindet?
Diese kleinen Details sind für mich als Filmemacherin interessanter als die großen Männer mit den Waffen. Dieser Satz gefällt mir.
Es gibt eine Sache, die ich mir im Film gerne ausführlicher gewünscht hätte, und zwar den Generalstreik. Er ist zwar hintergründig immer präsent, aber er bleibt stets eher im Hintergrund. Ich weiß, dass man nicht die Zeit hat, alles zu zeigen, aber was war der Gedanke dahinter?
Es gibt vieles, worauf ich gerne mehr Zeit verwendet hätte. Da stimme ich dir zu. Ich denke, der Generalstreik war ein unglaublicher und sehr wichtiger Moment. Und man spürt den Streik zwar, aber er wird nicht so sehr vertieft. Es gibt einfach so viel zu sagen. Es gibt so viele Geschichten, so viel über diese Zeit, dass ich mich auf andere Dinge konzentriert habe, schätze ich.
Was sind deiner Meinung nach die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Besatzung und Widerstand in Palästina im Jahr 1936 und der Besatzung und dem Widerstand 2026?
Ich lebe an einem Ort, an dem wir von Kontrollpunkten umgeben sind, um von A nach B zu gelangen. Unsere Körper werden durchsucht, unsere Haare werden durchsucht, unsere Finger werden durchsucht. Es gibt eine Szene im Film, in der man sieht, wie ein älterer Mann mit seinen Büchern kontrolliert wird. Es gibt Ausgangssperren; man braucht eine Durchfahrtsgenehmigung. Man braucht dies, man braucht jenes. Die Grenzen sind geschlossen, Druckereien werden stillgelegt.
Alles, was der Film thematisiert, geschieht auch heute noch: Administrativhaft oder der junge Mann, der an ein Auto gefesselt wird, mit dem die Briten ein Dorf verlassen; das taten sie häufig. Sie fesselten jemanden an ein Auto, um aus einem Dorf herauszukommen und sich auf diese Weise mit einem menschlichen Schutzschild zu schützen.
An dem Tag, an dem wir diese Szene drehten, passierte genau das in Nablus. Ein palästinensischer Mann wurde an ein israelisches Militärfahrzeug gefesselt. Nur zufällig wurde das von einer Nachrichtenkamera eingefangen, sodass die Leute es sehen konnten. Aber so etwas passiert ständig. Die Armee stürmt in Dörfer und Städte hinein und stürmt wieder hinaus.
In dem Film gibt es nichts, was sich fern anfühlt oder mit dem man sich nicht identifizieren kann. Da ist die Kollektivstrafe, da ist die Mauer. Ich könnte endlos weitermachen. Heute reden alle über Palästina und die Mauer. Doch die Idee der Mauer stammt von den Briten. Liam Cunninghams Figur, Charles Tegart, machte den ersten Vorschlag, eine Mauer zu errichten. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen völlig miteinander.
Der Film endet mit einer Niederlage, aber auch mit Hoffnung. Wir hören Menschen »Nieder mit dem Kolonialismus« und »Revolution« rufen. Wir sollten hoffen, dass die Niederlage vor 90 Jahren nicht bedeutet, dass die Palästinenser erneut verlieren werden.
Ich hoffe es, und deshalb ist für mich das letzte Bild des Films dieses kleine Mädchen mit offenem Haar, barfuß und rennend. Ich weiß, wohin sie rennt, aber das spielt eigentlich keine Rolle. Sie ist für mich wie ein Licht. Afra war im Film immer dieses Licht, und sie steht für Beharrlichkeit. Egal was passiert, man macht einfach weiter und geht seinen Weg.
Teilst du Afras Hoffnung?
Ja, das tue ich. Ich versuche, daran zu arbeiten. Ohne Hoffnung haben wir nichts. Ich glaube, Hoffnung ist wichtig, denn sonst befinden wir uns in der Dunkelheit.
Hast du schon Pläne, was du als Nächstes machen wirst?
Ich habe ein paar Projekte, über die ich nachdenke. Aber erst einmal muss ich mich von diesem Film erholen und ein bisschen auf mich selbst achten. Die Produktion des Films war von Anfang an extrem schwierig und wurde immer schwieriger. Ihn fertigzustellen hat länger gedauert, als geplant. Die Dreharbeiten mussten immer wieder unterbrochen und neu aufgenommen werden. Das hat mich mental, emotional und politisch sehr mitgenommen. Man schaut aus dem Fenster und weiß, dass das, was hier passiert, nicht gut ist.
Also versuche ich, irgendwie auf mich selbst zu achten. Ich denke auch über ein paar Projekte nach. Ich möchte aber nicht 10 Jahre warten, um den nächsten zu drehen. Das kann ich nicht.
Wie wichtig war es für dich, in Palästina zu drehen und nicht in den Nachbarstaaten?
Für mich war das extrem wichtig. Manche Szenen konnten wir aber nicht in Palästina drehen, deshalb mussten wir nach Jordanien ausweichen. Aber dann sind wir zurückgekommen und haben den Film in Palästina fertiggestellt. Mir ist es sehr wichtig, dass Jerusalem auch wirklich Jerusalem war und nicht irgendein anderer Ort, der Jerusalem ähnelt.
Ich habe der Crew immer wieder gesagt. »Wir sind die Flüchtlinge dieser Welt. 75 % der Palästinenser sind Flüchtlinge. Ich möchte nicht, dass dies ein Flüchtlingsfilm wird. Es ist wirklich wichtig, dass wir alles tun, was in unserer Macht steht. Vielleicht können wir dies im nächsten Jahr nicht mehr tun. Aber im Moment müssen wir dafür kämpfen, das zu tun, was möglich ist.«
Wir leben hier, wir müssen vor Ort Leute einstellen und zusammenarbeiten. Wir sprechen hier von einer unabhängigen Filmindustrie. Man muss an den Orten leben, arbeiten und Dinge schaffen, über die man spricht. Ich halte das für wichtig.
Wenn jemand den Film sieht und davon inspiriert wird, was sollte man deiner Meinung nach tun?
Darüber sprechen. Wir haben diesen Film nur mit Mühe fertiggestellt. Es ging immer mal wieder nicht weiter. Wir wussten nie, ob wir ihn jemals fertigstellen können. Alle haben sich einfach total reingehängt, um ihn zu machen und zu veröffentlichen.
Jetzt ist er veröffentlicht. Wenn also jemand ihn sich ansieht, ist der Austausch darüber, das Gespräch, diese Verbindung wichtig. Es ist wichtig, dass es ein Publikum gibt, nachdem die Leute alles gegeben haben, um diesen Film zu machen. Und der Grund dafür ist, dass wir eine Verbindung herstellen wollen. Wir müssen in dieser Welt miteinander in Verbindung treten.
Das Interview führte Phil Butland.
Dieses Interview erschien zuerst auf The Left Berlin.