Demo gegen Faschisten in London

Schlappe für Faschisten in London

Am Boden, aber noch nicht k.o. Die Faschisten um Tommy Robinson erlitten in London einen herben Rückschlag. Von Richard Donnelly

»Kriegt ein weißer Mann in England nicht einmal mehr ein Bier? Das ist Klassenjustiz!« Das Geschimpfe eines alternden betrunkenen »Patrioten« vor dem Tesco Express in der Westminster Bridge Road, der den Verkauf von Alkohol für diesen Tag eingestellt hatte, bildete am Samstag, den 16. Mai, den grotesken Abschluss eines trostlosen Tags für die Anhänger des rechtsradikalen Aktivisten Tommy Robinson.

Videos von diesem Mann und auch anderen – betrunken, wirrköpfig oder beides – wurden von Robinsons Gegnern online vielfach geteilt und weit verbreitet und haben Robinsons Anhänger dem Spott ausgesetzt. Dazu gab es Clips von Robinson, wo er lächerlicherweise behauptet, die Demonstration sei der größte Protest der britischen Geschichte gewesen. Und Videos zeigten den christlichen »Musiker« und mutmaßlichen Goldschmuggler Rikki Dolan mit seinem wahrhaft grauenhaften Gekreische auf der auf dem Parliament Square aufgebauten Bühne. Viele haben auf Robinsons Londoner Debakel mit Gelächter reagiert.

Eine Warnung und eine Rückschlag

Dennoch war Robinsons Aufmarsch vom 16. Mai eine widersprüchliche Sache. Es war eine Warnung und zugleich ein Rückschlag für ihn. Die Warnung war offensichtlich: Zehntausende marschierten durch Londons Mitte für ein von Faschisten geführtes, rassistisches und islamophobes Projekt. Die alberne Behauptung, die Robinson und seine Anhänger in die Welt gesetzt haben, »Millionen« seien auf die Straße gegangen, können wir leicht zurückweisen.

Aber selbst wenn meine eigene Schätzung von etwa 35.000 Teilnehmenden der Wahrheit näher kommt als die Zahlen der Polizei von rund 60.000, war dieser Aufmarsch historisch gesehen noch groß. Robinson ist noch nicht erledigt. Er bleibt eine bedeutende Figur des britischen Straßenfaschismus, die den harten Kern von Rassisten, Islamhassern, Verschwörungsideologen und Schichten, die durch den Rechtsruck in der britischen Politik radikalisiert wurden, zusammenführen kann.

Gleichzeitig ist auch der Rückschlag für Robinson eine Realität. Er wollte den 13. September 2025 wiederholen, die größte Demonstration unter Führung von Faschisten in der britischen Geschichte, als er 110.000 Leute auf die Straße brachte. Und er wollte beweisen, dass seine Straßenmaschine immer noch vorwärtstreibt. Er wollte den Durchbruch der weit rechts stehenden Partei Reform UK bei den kürzlichen Kommunalwahlen in faschistisches Selbstbewusstsein auf der Straße überführen. Zudem wollte er einen weiteren spektakulären Beweis, dass seine Kräfte Londons Mitte immer wieder besetzen können, und sich selbst als wahre Stimme der Nation präsentieren. In dieser Hinsicht ist er gescheitert.

An diesem widersprüchlichen Ergebnis des 16. Mai müssen alle ernsthaften Analysen ansetzen. Robinsons Kundgebung war groß, aber kein triumphaler Erfolg. Es war gefährlich, aber in geringerem Ausmaß als zuvor. Es zeigte, dass der britische Faschismus eine reale Kraft ist, aber auch, dass der Vormarsch der Faschisten nach den rassistischen Unruhen im vergangenen Jahr, den Protesten vor Hotels mit Geflüchteten und Robinsons Demonstration vom September aufgehalten wurde.

Demozahlen und die Politik des Spektakels

Zahlen besitzen für faschistische Politik hohe Bedeutung, denn Faschismus ist mehr als eine Ideologie. Es ist eine Politik der Stärke, Sichtbarkeit und Einschüchterung. Robinsons Bewegung braucht das Spektakel. Er braucht wiederholte Massenaufmärsche auf der Straße, um die Anhänger, Feinde und schwankenden Schichten davon zu überzeugen, dass ihnen die Geschichte gehört.

Die Polizeischätzung von 60.000 lag bereits deutlich unter der Zahl von September. Nach meiner Schätzung waren es etwa 35.000, basierend auf der Zählung einzelner Abschnitte des Demonstrationszugs, der Zeitmessung des Durchflusses an bestimmten Punkten, der Einschätzung der Personendichte am Sammelpunkt sowie dem Vergleich der belegten Fläche auf dem Parliament Square und in Whitehall. Weite Bereiche von Whitehall, der Straße, wo der Marsch endete, blieben fast leer. Robinsons Organisatoren hatten entlang der Straße Bildschirme installiert, als würden sie eine viel größere Menge erwarten, aber vielfach waren es nur kleine zuschauende Gruppen statt dichtgedrängter Menschenmassen.

Die genaue Zahl ist aber weniger wichtig als die politische Bedeutung. Ob wir von 35.000 oder 60.000 ausgehen, hat Robinson es nicht geschafft, seinen Erfolg von September 2025 zu wiederholen. Damals hatte er faktisch eine Taktik wiederkehrender nationaler Demonstrationen verkündet. Er versprach halbjährliche Aufmärsche in Londons Mitte, mit Flaggen, der Bühne, den Sprechern aus dem Ausland, den Livestreams, und dass die Menschen sich erheben würden.

Der Druck auf Robinson steigt

Solch eine Taktik des Spektakels ist von Zuspitzung abhängig. Wenn das Spektakel weniger spektakulär ausfällt, entlarvt es seine Abhängigkeit vom Hype.

Robinsons Verhalten bestätigt, dass der Druck auf ihn ständig steigt. Mehrfach behauptete er, »Millionen« seien gekommen. Dann verkündete er fälschlicherweise den Rücktritt des Ministerpräsidenten Keir Starmer, womit er andeuten wollte, das sei die Reaktion auf seine Demonstration gewesen.

Natürlich ist solch ein Verhalten absurd und lachhaft. Aber es zeigt auch, dass er einen Rückschlag in einen Mythos von einem Sieg umdeuten muss. Faschistische Führung ist abhängig von der Behauptung des Unvermeidlichen. Wenn die Realität aber versagt, muss die Fantasie einspringen.

Die Menge: Robinsons eingeschworene Anhänger

Auch die Zusammensetzung der Teilnehmer an dem Marsch war nicht unwichtig. Verglichen mit September schien die Menge diesmal älter und männlicher zu sein und eher aus dem traditionellen Milieu der von ihm gegründeten English Defence League (EDL) zu stammen. Im September waren breitere Schichten angezogen worden. Familien, Frauen, junge Leute und solche, die in das Gravitationsfeld der örtlichen Antimigrationsproteste gesogen wurden. Diesmal schien das soziale Gewicht dürftiger zu sein.

Zu den auffälligsten Merkmalen gehörte der geradezu ausschweifende Alkoholkonsum. Um den Versammlungsort Kingsway/Holborn lagen Tausende leere Bierdosen und Bierflaschen. Viele Teilnehmer waren sichtbar betrunken, und einige benötigten medizinische Hilfe, weil sie auf der Straße zusammengebrochen waren. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Holborn und Whitehall noch Stunden später nach Alkohol und Urin stanken.

Robinson präsentiert eine Bewegung als diszipliniert, patriotisch und respektabel. Doch die Teilnehmer des Marsches sahen eher aus wie die alte EDL: überwiegend männlich, aggressiv und saufend. Rassistische Sprechchöre und als Umhang getragene Flaggen schufen eine »Tagesausflug mit den Kumpels«-Atmosphäre, ganz im Gegensatz zu Robinsons Erzählung von seinen Anhängern als »friedliche Patrioten«, die von den Außenstehenden missverstanden würden.

Offener antiislamischer Rassismus

Außerdem gab es offenen antiislamischen Rassismus. Robinson forderte, Muslime aus Großbritannien abzuschieben. Die Transfeindin und Aktivistin Kellie-Jay Keen forderte, »den Islam« aus dem öffentlichen Dienst zu verbannen, was auf erschreckende Weise an das Verbot der deutschen Nazis erinnert, Juden im öffentlichen Dienst zu beschäftigen.

Auch die Einschüchterung war spürbar. Nachdem die Demonstration sich aufgelöst hatte, konnte ich Anhänger Robinsons beobachten, die einen Schwarzen Obdachlosen mit einem Plakatstab traktierten, nachdem er gefragt hatte, was sie da täten.

Es gibt also keinen Anlass, diese Bewegung zu beschönigen. Der Marsch war kein harmloser patriotischer Protest. Er war ein von Faschisten angeführter Marsch, dessen Funktion und Realität in rassistischer Einschüchterung bestand. Gerade deshalb aber ist die geringere Beteiligung daran von Bedeutung. Robinson hat sich seinen harten Kern erhalten, aber es nicht geschafft, ein größeres Bündnis herzustellen, das den Marsch vom September so gefährlich gemacht hat.

Warum die Teilnehmerzahlen gesunken sind

Die geringere Teilnehmerzahl spiegelt eine Veränderung im Kräfteverhältnis auf dem Boden der Gesellschaft wider. Der Septembermarsch war durch die Dynamik lokaler rassistischer Mobilisierungen vor Asylunterkünften angeheizt worden. Diese Proteste erzeugten eine sich ausbreitende landesweite Stimmung: wiederholte örtliche Demonstrationen, rassistische Gerüchte, Telegram-Vernetzung, Reden, Druck auf Gemeinderäte, örtliche Berichterstattung, Verstärkung durch Reform UK und das Gefühl, dass sich die Antimigrationsbewegung ausbreitete. Diese lokalen Brennpunkte dienten als Infrastruktur für Robinsons landesweiten Durchbruch.

Seitdem ist diese Infrastruktur jedoch beschädigt worden. Stand Up to Racism als führende antifaschistische Kraft in Großbritannien und örtliche antirassistische Initiativen haben Gegenwehr aufgebaut: in Epping, Hillingdon, Manchester, Dundee, Südwales, an der Südküste und darüber hinaus. An vielen Orten begann diese Arbeit mit sehr bescheidenen Mitteln: Faschisten wurden entlarvt, Stadtviertelproteste organisiert, Verbindungen zu Gewerkschaften und Gemeinden hergestellt, und vor allem gab es die Weigerung, rassistische Proteste zu normalisieren.

Das ist die wichtigste Lehre des 16. Mai. Nationale faschistische Aufmärsche beginnen mit lokalen Aktivitäten. Robinson hat die Zehntausenden Demonstranten nicht allein über die sozialen Medien mobilisiert. Sein nationaler Auftritt bezog seine Stärke aus lokalen rassistischen Netzwerken, Protesten vor Hotels, Flaggenkampagnen und Selbstbewusstsein auf der Straße. Werden sie hier zurückgedrängt, schwächt es ihn auch auf nationaler Ebene.

Deshalb kann die antirassistische Bewegung den Rückschlag für Robinson vom 16. Mai für sich reklamieren. Robinson wurde nicht geschlagen, und die Gefahr ist nicht vorüber. Dennoch hat die ausdauernde antirassistische Arbeit dazu beigetragen, ihm den benötigten Schwung zu nehmen. Der Sieg ist der der antirassistischen Aktivist:innen im Land.

Reform UK, Robinson und der ungleichmäßige Rechtsruck

Dennoch bleibt die allgemeine Lage äußerst angespannt. Reforms Durchbruch bei den Wahlen hat die politische Atmosphäre verändert und Robinson die Gelegenheit verschafft, seine Bewegung als Teil einer übergreifenden Revolte gegen Keir Starmer, Labour und das politische Establishment darzustellen.

Der 16. Mai hat jedoch gezeigt, dass es nur einen mittelbaren Zusammenhang zwischen dem Wahlerfolg von Reform und der faschistischen Straßenmobilisierung gibt. Reform und Robinson sind zwei Pole innerhalb des Felds der Rechtsradikalen. Reform will sich als respektabel und wählbar darstellen. Die Partei will Stadträte übernehmen, Abgeordnete stellen, Anerkennung in den Medien, Spender und sich als Regierung in Wartestellung darstellen können. Robinson sorgt für Straßenspektakel und Konfrontation, für das nach außen getragene Bild von Reform ist er schädlich.

Das ist aber keine saubere Trennung. Reform profitiert von dem rassistischen »gesunden Menschenverstand«, der durch die gegen Migrant:innen gerichtete Straßenagitation geschürt wird, und lokale Aktivist:innen von Reform mischen oft bei Hotelprotesten mit, selbst wenn die Partei offiziell Abstand dazu hält. Die Themen sind jedoch die gleichen: Invasion, Grenzen, die angebliche sexuelle Sittenlosigkeit der »Fremden«, Landesverrat und »einfache Leute«, die von der Elite verachtet werden. Robinson trägt zu einem aufgeheizten Klima bei, in dem Reform UK gedeiht, und Reform trägt zur Legitimierung der migrationsfeindlichen Politik bei, die Robinson auf die Straße trägt.

Dass der Wahlerfolg von Reform UK sich nicht automatisch in einen größeren Aufmarsch von Robinson-Anhängern umsetzt, ist deshalb aufschlussreich. Das zeigt, dass der Aufstieg der Rechtsradikalen kein so glatter, einheitlicher Prozess ist. Er ist ungleichmäßig, zersplittert und wird angefochten. Diese Ungleichmäßigkeit bietet Chancen für die Antirassisten.

Palästina und die antirassistische Front

Die Einheit der Palästina- und antirassistischen Bewegung gehörte zu den wichtigsten Merkmalen der riesigen Gegendemonstration vom 16. Mai. Die Solidaritätskampagne für Palästina spricht von 250.000 Teilnehmer:innen, aber selbst nach konservativen Schätzungen waren es gut über 100.000.

Robinsons Politik ist zunehmend von ablehnender Haltung gegenüber der Palästinasolidarität geprägt. Seit 2023 hat er versucht, die Palästinabewegung als islamistisch, antisemitisch, ausländisch und antibritisch zu kennzeichnen. Das ist ein wichtiges Element bei sein Bestreben, eine nationalistische Straßenbewegung gegen eine der größten fortschrittlichen Bewegungen der jüngeren britischen Geschichte aufzubauen. Dadurch gelang es ihm zudem, immer wieder Unterstützung von den hartnäckigsten Gegnern der Palästinabewegung unter den bürgerlichen Politikern zu gewinnen, darunter Innenministerin Suella Braverman im Jahr 2023 und die Vorsitzende der Konservativen, Kemi Badenoch, im Jahr 2026.

Deshalb war die Gegenmobilisierung vom 16. Mai politisch so wichtig. Sie stand unter dem Motto »Nakba 78: Marsch für Palästina« und »Vereint gegen Tommy Robinson und die radikale Rechte«. Das Bündnis umfasste neben Stand Up to Racism die Palestine Solidarity Campaign, Stop the War, Friends of Al Aqsa, das Palestinian Forum, die Muslim Association und die Campaign for Nuclear Disarmament (CND, gegen atomare Bewaffnung).

Angegriffene stehen zusammen

Diese Einheit war keine künstliche oder rein organisatorischer Natur. Sie entsprach dem Feindbild, das Robinson entworfen hatte: Er nahm Muslim:innen ins Visier, Migrant:innen, Geflüchtete, Palästinaunterstützer:innen, Antirassist:innen, Sozialist:innen und die Linke als Teile eines bedrohlichen Blocks. Die Antwort darauf kann nicht lauten, Palästina von Antirassismus zu trennen oder Antirassismus von Antifaschismus. Die radikale Rechte würfelt ihre angeblichen Feinde zusammen, das erfordert eine vereinte Antwort.

Der Staat und Teile der Oberschicht versuchten, eine andere Konstellation herzustellen. Im Vorfeld der Demonstration schürten sie die Debatte über die schreckliche Tat von Golders Green, bei der ein bewaffneter Mann zunächst einen Muslim und dann zwei jüdische Männer mit einem Messer angriff, über Antisemitismus und öffentliche Ordnung, um die Palästinasolidarität und den antirassistischen Gegenprotest zu diskreditieren. Robinson versuchte, von dieser Atmosphäre zu profitieren, indem er seine Anhänger als disziplinierte Patrioten, die Palästinaunterstützer als unruhestiftende Bedrohung darstellte. Die Metropolitan Police spielte mit und überließ ihnen das symbolische Herz der Stadt für ihre faschistische Mobilisierung. Badenoch und Nigel Farage gaben Robinson Rückendeckung.

Kampf gegen Einschüchterung

Diese Dynamik verwandelte den 16. Mai in einen Kampf um Legitimität. Robinson will mehr als einen rechten Aufmarsch, er will, dass die einschüchternde Präsenz seiner Bewegung als legitim erscheint. Er will symbolischen nationalen Raum unter Polizeischutz besetzen, während er gleichzeitig staatliche Verfolgung behauptet. Er will zwei Geschichten gleichzeitig erzählen: der zensierte Patriot, der von Starmer zum Schweigen gebracht wird, und die disziplinierte nationale Bewegung, der die Polizei vertraut. Deshalb nutzte Robinson das Einreiseverbot für ausländische rechtsextreme Redner, um eine Repressionserzählung zu konstruieren, während er gleichzeitig die Unterstützung seitens der Polizei lobte.

Das ist keine unbedeutende Unstimmigkeit, sondern wesentlicher Bestandteil faschistischer Taktik. Faschistische Bewegungen streben meist eine doppelte Beziehung zum Staat an: die der Gesetzlosen und die der Hilfstruppe. Sie stellen sich als verfolgte Außenseiter dar und bieten sich als Verteidiger der Ordnung an. Sie verurteilen den Staat, wenn er sie behindert, aber fordern seinen Schutz, wenn sie gegen ihre Feinde vorgehen.

In diesem Sinne war der 16. Mai ein Kampf um die Legitimität der Kräfte: Robinson versuchte einen betrunkenen, rassistischen, überwiegend männlichen Straßenaufzug als patriotische öffentliche Ordnung darzustellen. Die Palästina- und antirassistische Gegenbewegung wurde dagegen mehrfach von ihren Feinden als unruhestiftend, bedrohlich und suspekt dargestellt. Die politische Gefahr liegt in dieser Asymmetrie: Die Einschüchterung der Rechten wird normalisiert, während der antirassistische Widerstand als Problem gilt.

Diese Asymmetrie muss gebrochen werden. Antifaschismus muss nicht nur Robinsons Ideologie entlarven, sondern die gesellschaftliche Funktion seiner Aufmärsche: dass Muslim:innen, Migrant:innen, Flüchtlinge, Palästinaunterstützer:innen und Antirassist:innen den öffentlichen Raum als feindlich erleben.

Es war ein großer Erfolg, dass es den Faschisten nicht gelungen ist, die Gegendemonstration einzuschüchtern. Das schafft Selbstbewusstsein bei vielen, die Gewalt am 13. September erlebten und unsicher waren, ob sie kommen sollten. Und dies wird zweifellos den künftigen Widerstand gegen Robinson auf der Straße stärken.

Spaltungen bei den Rechtsextremen

Der 16. Mai offenbarte zudem die Spaltungen in der extremen Rechten. Die Anwesenheit radikalerer neonazistischer und »ethnonationalistischer« Kräfte, darunter die Patriotic Alternative, die British Democrats und die White Vanguard, zeigt, dass Robinson innerhalb seiner eigenen Bewegung auf Konkurrenten trifft. Robinsons Anhängerschaft war politisch nicht homogen; sie war ein Kampffeld.

Robinsons Politik ist der Form nach willensnationalistisch (freie Bürger schließen sich zur Nation zusammen) und richtet sich gegen den Dschihad. Der Hauptfeind ist der Islam, nicht Rasse. Auf diese Weise können einige Juden, Sikhs, Hindus und andere nichtmuslimische Minderheiten bedingt in eine antimuslimische Koalition integriert werden. Israel wird lauthals unterstützt und israelfreundliche Politik wird als Schutzschild gegen den Vorwurf des Antisemitismus und als Waffe gegen die Palästinasolidarität benutzt.

Ethnonationalisten lehnen das ab. Aus ihrer Sicht ist Robinson durch Israel, den Willensnationalismus, ausländische Einflüsse und Anerkennung seitens der Polizei kompromittiert. Sie wollen eine Politik der Weißheit, der »einheimischen« Identität und des offenen demografischen Kampfes. Das Ergebnis ist keine einfache Spaltung, sondern ein Wettbewerb bei gegenseitiger Nähe. Die radikaleren faschistischen Kräfte mögen Robinson zwar kritisieren, doch betrachten sie seine Aufmärsche auch als Feld zur Rekrutierung. Sie wissen, dass viele seiner Anhänger noch weiter nach rechts gezogen werden können.

Deshalb ist die Spaltung zwischen den Lagern zweischneidig. Sie schwächt Robinsons Autorität, kann aber das Feld radikalisieren. Jede Fraktion versucht zu beweisen, dass sie authentischer, weniger kompromittiert, ernsthafter und eher bereit ist zu sagen, was andere verschweigen.

Restore Britain und die nächste Anpassung

Der Aufstieg von Rupert Lowes Partei Restore Britain muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. Restore mag einen neuen Versuch darstellen, die organisatorische Schwäche des Robinsonismus zu überwinden. Robinsons Modell ist das Spektakel, dezentralisiert und hoch personalisiert. Es mag zu großen nationalen Aufmärschen führen, aber es bleibt ungleichmäßig und instabil. Zudem hat es Probleme, dauerhafte lokale Strukturen zu schaffen. Es ist abhängig von periodischen Aufschwüngen.

Restore bietet etwas anderes an: einen Abgeordneten in der Person Rupert Lowes, Ortsgruppentreffen, Mitgliederstruktur, eine formellere Parteistruktur und ein Appell an radikalere ethnonationalistische Schichten.

Das ist gefährlich, weil auf diese Weise verschiedene Elemente zusammengebracht werden: Aktivisten vor Ort von den Hotelprotesten und Flaggenkampagnen, schärfere Abschieberhetorik, ehemalige Aktivisten der British National Party (BNP) und Partriotic Alternative, und ein respektableres politisches Gesicht. Restore könnte von Robinsons Stärken wie auch seinen Schwächen lernen.

Restore hat aber auch das klassische Problem britischen faschistischen Parteiaufbaus geerbt. Eine zentralisierte Organisation ist leichter zu entlarven, anzugreifen und zu spalten. Ihre seriöse Fassade ist anfällig für Unterwanderung durch neonazistische Elemente, die von ihr angezogen werden.

Der britische Faschismus befindet sich also nicht einfach im Niedergang, er experimentiert. Ein Rückschlag für Robinson könnte die Suche nach alternativen Formen beschleunigen. Für Antifaschist:innen gibt es noch keinen Grund, zu triumphieren.

Faschisten in die Schranken gewiesen

Der 16. Mai hat den Robinsonismus nicht beendet, ihn aber in die Schranken gewiesen.

Robinson kann immer noch Zehntausende auf die Straße rufen. Die gesamte rechtsextreme Szene profitiert weiterhin von dem Wahlerfolg von Reform und der Krise der Labour Party. Die Bedingungen, die Faschismus hervorrufen – chronische politische Krisen, Niedergang des Imperiums, Rassismus, staatlicher Autoritarismus und politische Enttäuschung – bestehen weiterhin.

Dennoch ist es Robinson nicht gelungen, das Ereignis vom September zu wiederholen. Sein Spektakel fiel dürftiger aus und seine Anhängerschaft kleiner. Seine Angeberei wurde lächerlich, und seine Basis wurde von härteren faschistischen Kräften offen angefochten. Seine halbjährliche Mobilisierungsstrategie erscheint nun schwach. Die antirassistische Bewegung hat dazu beigetragen, die lokale Dynamik zu bremsen, die seinen früheren Durchbruch beflügelt hatte.
Der 16. Mai war also ein Sieg für die britische antifaschistische Bewegung. Kein endgültiger Sieg, aber Antirassist:innen haben eindrucksvoll gezeigt, wie die Dynamik des Faschismus aufgehalten werden kann. Robinson wollte beweisen, dass ihm die Straße gehört. Stattdessen hat er die Instabilität seiner eigenen Bewegung offenbart.


Richard Donnelly ist Mitglied der Socialist Workers Party in Großbritannien und Verfasser des Artikels „,We are the counter‑revolutionʽ: Tommy Robinson and the remaking of British fascism“ in der neuesten Ausgabe des International Socialism Journal. Sein Text ist zuerst hier erschienen: https://theunrecoveredcountry1.substack.com/p/down-but-not-out-robinson-dealt-major. Aus dem Englischen von Rosemarie Nünning

Foto: Guy Smallman

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