Anju aus Delhi und Gulal aus Bengaluru sprachen mit Yuri Prasad über die »Kakerlaken-Bewegung, die Tausende junger Menschen mobilisierte und einen verhassten Bildungsminister zum Rücktritt zwang.
Zehntausende junge Menschen der indischen »Kakerlaken«-Bewegung feierten letzte Woche einen seltenen Sieg über die rechtsextreme BJP-Regierung unter Narendra Modi.
Der in die Kritik geratene Bildungsminister Dharmendra Pradhan gab am Samstag seinen Rücktritt bekannt.
Sein Rücktritt war eine zentrale Forderung der »Cockroach Janta Party« (CJP) gewesen, die eine Protestbewegung koordiniert hat, die Bildungsreformen und Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit fordert.
»Kakerlaken«-Bewegung
Die Bewegung hat ihren Namen von einer abfälligen Bemerkung des indischen Obersten Richters, der einige arbeitslose junge Menschen mit »Kakerlaken« verglich.
Sie hat sich zu einer der sichtbarsten und lebhaftesten Formen des Widerstands gegen Modi der letzten Jahre ausgeweitet.
Rund 50.000 Demonstranten im Protestlager Jantar Mantar in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi brachen in Jubel aus, als sie die Nachricht hörten.
»Alle tanzten, und wir waren einfach alle so beschwingt und begeistert«, berichtete Anju, eine junge revolutionäre Sozialistin und Aktivistin aus der Stadt.
Freudenfest bei Rücktritt des Ministers
»Die Leute lachten und bespritzten sich gegenseitig mit Wasser. Es drängten sich bereits so viele Menschen auf dem Gelände, dass es völlig überfüllt war. Dann verwandelte sich der Protest in ein Freudenfest.«
Anju sagt, dass die Anzahl der Demonstrierenden stark angewachsen sei, nachdem Aufnahmen von Polizeigewalt gegen Studierende zu Beginn der Woche viral gegangen und auch in den Mainstream-Medien zu sehen waren.
Die Polizei, die mit großen Bambusstöcken – sogenannten Lathi-Stöcken – bewaffnet war, hatte die Menschenmenge angegriffen, die entschlossen war, zum Parlament zu marschieren. In einige der Stöcke waren Nägel eingeschlagen worden, um möglichst schwere Verletzungen zu verursachen.
Auch rechtsextreme Schläger schlossen sich dem gewalttätigen Vorgehen der Polizei gegen die Student:innen an.
Viele Menschen wurden schwer verletzt, doch die Demonstrant:innen ließen sich weder von Tränengas noch von Schlägen einschüchtern. Inzwischen war ihre Zahl noch weiter angewachsen.
»Am Samstag waren so viele Menschen da. Menschen, die in der Hauptstadtregion arbeiten, zum Beispiel aus Gurgaon und Noida. Und an dem Protest nahmen auch Studenten aus dem ganzen Land teil«, sagte Anju.
»Die Demonstranten blieben in der Gegend – in Gurdwaras und an anderen Orten – und waren entschlossen, Jantar Mantar nicht zu verlassen. Es war so, als würden sie sagen: Das ist unser Ort, und den geben wir nicht her.«
»Proteste haben Modi und seine Regierung erschüttert«
Gulal nahm an den Protesten in Indiens Hightech-Stadt im Süden, Bengaluru, teil. Er sagte, die landesweiten Proteste hätten Modi und seine Regierung erschüttert.
»Sein Tonfall hat sich plötzlich geändert. Ich glaube, er hat Angst, und auch in seiner Partei und im Parlament herrscht Angst«, berichtet der sozialistische Aktivist lachend.
»In seinem jüngsten Social-Media-Video sprach er uns – anders als sonst – mit ›Freunde‹ an. Das ist eine deutliche Veränderung.«
Die Demonstrant:innen verspotteten Modis Gerede von »Freunden« in seinem nächtlichen Instagram-Beitrag mit einer Flut von Memes in den sozialen Medien. Ein beliebtes Meme lautete: »Mitternachts Nachrichten von unserem ausweichenden, toxischen Freund«.
»Modi hat den Druck auf sich selbst, der Forderung nach Rechenschaft nachzukommen, dadurch nur noch verstärkt«, sagt Gulal. »Und das kann nur bedeuten, dass der Druck auf die vielen anderen Missstände im Land zunimmt, gegen die die Regierung schon so lange nichts unternommen hat.«
Modi ist seit 2014 im Amt, und seine BJP-Partei hat kürzlich bei wichtigen Landtagswahlen gut abgeschnitten.
Modi musste der Bewegung in zwei Forderungen nachgeben
Nun hat Modi nicht nur einen Minister verloren, sondern musste auch zwei Forderungen der Bewegung nachgeben.
Dabei handelte es sich um Entschädigungen für die Familien der Schüler, die nach einem kürzlich aufgetretenen Prüfungsskandal selbst das Leben genommen hatten, sowie um die Beendigung der staatlichen Verfolgung von »Kakerlaken«-Aktivisten.
Sowohl Anju als auch Gulal sagen, dass die »Kakerlaken«-Bewegung bei Millionen anderer Inder aller Altersgruppen Anklang findet, die ums Überleben kämpfen, was den Druck auf Modi erhöht.
Viele Arbeiter hätten die Proteste von Anfang an unterstützt, sagt Gulal.
»Als es zu den ersten Fällen von Polizeigewalt kam, haben viele Millennials – und ich gehöre selbst zur Generation der Millennials – die Bewegung unterstützt, indem sie versuchten, Lebensmittel und Hilfsgüter zum Ort der Proteste zu schicken.«
»Und viele Freiberufler von Lieferdienste wie Swiggy und Zomato hatten sich bereit erklärt, zu helfen.
Als die Regierung von Delhi den Zugverkehr zwischen einigen großen U-Bahn-Stationen einstellte, war die einzige Möglichkeit, zum Protestort zu gelangen, viel früher auszusteigen und dann eine Autorikscha zu nehmen.
Viele dieser Autorikscha-Fahrer haben angeboten, die Menschen kostenlos zur Demonstration zu bringen.«
Immense Unterstützung für die Proteste
Gulal sagt, es sei sogar davon die Rede gewesen, dass sich eine große Transportgewerkschaft auf die Seite der Jugendlichen stellen und zu einem Streik sowie einem Marsch zum Parlament aufrufen würde.
Das Protestcamp in Delhi wurde mit Unterstützung überschüttet, sagt Anju.
»Wir erhielten Unterstützung von vielen Arbeitnehmern, die nicht bei der Demonstration dabei sein konnten«, sagt sie. »Studierende, die von der Polizei verletzt worden waren, erhielten anonym gespendete Notfall- und Erste-Hilfe-Sets, die von Swiggy-Fahrern geliefert wurden.
Ich glaube, jeder möchte seine abweichende Meinung äußern, aber die Regierung bringt sie zum Schweigen, indem sie sie als Terroristen und als ›anti-national‹ bezeichnet.
Jedes Mal, wenn man eine abweichende Meinung äußert, hat der Staat die Macht, einen festzunehmen. Aber hier konnten wir sehen, dass wir anhaltende Unterstützung hatten. Die Leute nannten die ältere Generation, die uns unterstützte, die ›silbernen Kakerlaken‹.
Sie unterstützen uns, weil sie sich mit unserem Widerstand identifiziert haben.«
Unabhängig von Ethnie, Religion oder Kaste
Innerhalb der Bewegung waren die Demonstranten unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder ihrem Kastenhintergrund miteinander verbunden.
»Junge Menschen fragen sich: Warum zum Teufel reden diese Leute in der Regierung ständig über Religion und darüber, wer mein Klassenkamerad ist? Die Erkenntnis, dass dies nicht wichtig ist, ist grundlegend«, sagt Gulal.
»Die Spaltung, was religiöse oder ethnische Grenzen angeht, ist ihnen gleichgültig. Aber es gibt eine Spaltung auf politischer Grundlage, nicht nur auf der Grundlage linker Politik, sondern auf der Grundlage der strategischen Ausrichtung der Bewegung.«
Gulal sagt, dies zeige sich bereits daran, wie die Führung der CJP versucht habe, die Parolen der Bewegung zu kontrollieren.
»Über das Mikrofon des Protestcamps gaben sie bekannt: ›Verwendet nur unsere genehmigten Slogans, nämlich “Inquilab Zindabad” (Es lebe die Revolution), “Bharat Mata Ki Jai” (Ehre sei Mutter Indien), “Jai Bhim” (Es lebe Bhimrao Ambedkar, der Architekt der indischen Verfassung) sowie “Dharmendra Pradhan, tritt zurück”.‹
Sie wollen nicht, dass die Leute Parolen gegen die Polizei rufen, weil die Polizei dann anfangen könnte, auf uns einzuschlagen und die Demonstration aufzulösen. Die CJP-Führungskräfte sagen: »Wenn ihr das ruft, gefährdet ihr die gesamte Demonstration.««
Führung besteht auf »seriöser Politik«
Die Gruppe, die die CJP leitet, besteht größtenteils aus ehemaligen Aktivisten der Anti-Korruptionspartei Aam Aadmi, die bis vor kurzem die Stadtverwaltung von Neu-Delhi führte, sagt Gulal.
Das bedeutet, dass von der Spitze der Bewegung Druck ausgeübt wird, sich an die Grenzen der »seriösen Politik« zu halten.
»Aber es gibt auch linke politische Gruppen vor Ort«, sagt er und nennt als Beispiele die All-India Students Federation, die All-India Students Association und die Students’ Federation of India.
»Sie haben definitiv Einfluss. Aber viele Menschen gehören weder diesen Gruppen noch anderen Parteien an. Und vielleicht gibt es auch Meinungsunterschiede zwischen den Mitgliedern derselben Organisation.«
Derzeit gebe es nur wenige Foren, in denen die Bewegung ihre Taktiken und strategischen Optionen diskutieren könne, sagt Anju. Und das bringe sie in Gefahr.
Etwas erreicht – aber es muss weitergehen
»Die Wahrheit ist: Wir haben zwar etwas erreicht, aber die Menschen haben immer noch keine Arbeit«, sagt sie. »Ja, der Bildungsminister ist zurückgetreten. Aber sein Nachfolger, Pralhad Joshi, gehört derselben politischen Partei an.
Es ist ein neues Gesicht, aber das System bleibt, nicht? Was ist mit den Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen, der Luftqualität, der zunehmenden Hitze, der Milch-Panscherei und den lebensgefährlichen Straßen in Indien? Es gibt so viel Frustration und Wut.
Alle sind immer noch wütend, und die Lage ist nach wie vor sehr explosiv. Deshalb müssen wir das Eisen schmieden, solange es heiß ist, sonst könnte es zu einer Zersplitterung kommen. Ich glaube, es gibt einen Weg, wie sich alle Studierenden organisieren können, und wir haben gerade jetzt die Gelegenheit dazu.
Das Problem ist, dass niemand die Führung übernimmt. Die Energie muss irgendwohin fließen. Und sie muss zu den Revolutionären fließen, nicht zu den Reformisten.«
Der immense Sieg der »Kakerlaken«-Bewegung ist ein Zeichen für Hunderte Millionen Menschen, die sich täglich in Modis rechtsextremem Indien abmühen.
Er zeigt, dass die Demonstranten, wenn sie sich zusammenschließen, weitaus mehr Macht haben, als sie glauben, und dass sie dabei lernen, dass die von den Rechten so sorgfältig gesäten Spaltungen überwunden werden können.
Bild: Tausende protestieren im Jantar Mantar Protestcamp in Neu Delhi (Foto: Socialist Worker).
Dieser Artikel erschien zuerst bei Socialist Worker. Übersetzung von Francis Byrne.