BGM-109 Tomahawk – vom Boden aus abgefeuerte nukleare Marschflugkörper.

Der Stellvertreterkrieg spitzt sich zu – Nein zur Eskalation und Aufrüstung

Der russische und der ukrainische Staat sind bemüht, die Kriegsbegeisterung im Inneren anzuheizen. Proteste gegen Aufrüstung und die weitere Bereitschaft der CDU zur Eskalation sind notwendig. Von Michael Beck und Simo Dorn.

Die Bilanz des Krieges in der Ukraine nach über vier Jahren ist blutig, grausam und unmenschlich. Die Ukraine zählt wohl mindestens 600.000 Tote und Verwundete – sieben Prozent der männlichen Vorkriegsbevölkerung. In Russland sind es rund 1,4 Millionen Männer, die getötet oder verwundet wurden – drei Prozent der männlichen Vorkriegsbevölkerung. Seit Anfang 2026 sterben jeden Monat 35.000 russische Soldaten. 70 Prozent aller Toten gehen inzwischen auf Drohnen zurück, die entlang der Front eine 750 Kilometer lange Todeszone geschaffen haben. 

Wirtschaftliche oder militärische Bilanzen zwischen beiden Staaten herunterzurechnen und daran die Erfolgsaussichten für weitere Waffenlieferungen oder diplomatische Verhandlungen auszurichten, ist die mechanische Sichtweise des bürgerlichen Staates und der bürgerlichen Medienlandschaft. Dabei werden Menschenleben zu Zahlenmaterial und Dörfer zur Verhandlungsmasse. Was Russland und die Ukraine eint ist, dass es die arbeitende Klasse ist, die die Toten zu beklagen hat und die Lasten des Krieges trägt.

Russland: Schweigen durch Konsum

In der russischen Arbeiterklasse brodelt es – aber es organisiert sich nichts. Die Antikriegsproteste von 2022 wurden zerschlagen, jede Form von Opposition ist kriminalisiert, praktisch jede:r kennt Menschen, die von Repression betroffen sind oder aus Angst das Land verlassen haben.

Gewerkschaften dürfen nicht politisch arbeiten. Sie sind die einzige verbliebene Klassenorganisation und erringen lediglich kleine Erfolge vor Gericht, etwa gegen Kündigungen. 

Die seit April 2026 vollständige Telegram-Sperre – offiziell gegen die ukrainische Drohnennavigation gerichtet – blockiert zugleich jede Protestmobilisierung und zwingt Menschen staatlich kontrollierte Plattformen zu nutzen oder durch private Anbieter über teure VPNs Zugang zu erhalten.

Zudem ist der Protestwille geschwächt. Der materielle Wohlstand ist trotz Kriegswirtschaft spürbar gestiegen: Elektronik aus China, selbstfahrende Taxis in den Metropolen, finanziert aus Rohstoffexporten. Gleichzeitig sind Medikamente teuer und Mangelware. Rentner:innen verkaufen auf Straßenmärkten ihre Habseligkeiten, um zu überleben. Der Krieg öffnet Schere zwischen arm und reich zunehmend schneller.

Die Rekrutierung in die russische Armee läuft über Geld statt offenen Zwang. Seit der Mobilisierung von 300.000 Mann im September 2022 wagt Putin keine riskanten Masseneinberufungen mehr. Stattdessen wird mit Sold in Höhe des Sieben- bis Achtfachen eines Medianjahreseinkommens gelockt. Dies geschieht gezielt in strukturschwachen Regionen und unter ethnischen Minderheiten. Sie werden mit Staatsbürgerschaften, Renten und der Lüge vom Dienst fern der Front geködert. Das russische Militär holt niemanden mit Gewalt von der Straße – die Armut treibt die Menschen »von selbst« ins Rekrutierungsbüro. Zurückbleiben männer-verweiste Dörfer und Städte.

Ukraine: Schweigen durch Nationalismus

Auch in der ukrainischen Arbeiterklasse brodelt es – hier vor allem wegen der Gewalt der Rekrutierungen des eigenen Militärs. Monatlich sterben 10.000 Soldaten, 20.000 desertieren. Immer wieder kommt es zu spontanen Protesten von Hunderten bis Tausenden gegen Feldjäger und Zwangsrekrutierungen. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Widerstand der Bevölkerung gegen Zwangsrekrutierungen – nicht selten erfolgreich. Es gibt Berichte von Zusammenschlüssen der lokalen Bevölkerung, um Zwangsrekrutierte aus den Händen des Militärs zu befreien. Vereinzelt gibt es größere Aufstände, wie in der Nacht vom 8. auf 9. Juli in Lviv, wo die Menschen Militärfahrzeuge zerstörten und Soldaten die Uniform vom Körper rissen.

Der staatliche Nationalismus ist omnipräsent. Nationalistische Mythen werden aggressiv verbreitet: In Schulbüchern steht teils, die Menschheit stamme aus der Ukraine – Ägypter, Wikinger und Römer hätten dort ihren Ursprung. Faschisten wie Stepan Bandera werden zu Volkshelden erhoben, die die Nation geboren hätten: »Bandera ist unser Vater, die Ukraine unsere Mutter.« Faschistische Symbole aus dem Zweiten Weltkrieg sind allgegenwärtig – in Klassenzimmern, auf Kleidung und Märkten, auf Fahnen und öffentlichen Aushängen, im Militär und auf Social Media. 

Rassismus ist dabei ebenfalls Bestandteil. So gab es große Proteste von Soldaten gegen migrantisierte Menschen: Sie würden nur für eine »weiße Ukraine« kämpfen.

Getragen wird dieser Nationalismus von faschistischen Kräften im und um das Militär. Das Asow-Bataillon ist die bekannteste faschistische Einheit. Selenskyj gibt dem Druck der Faschist:innen regelmäßig nach – und ließ etwa den Faschisten Melnyk exhumieren und als Staatshelden neu bestatten, um die Nazis in den eigenen Reihen ruhigzustellen. Die militärische Allianz mit Polen hat das stark beschädigt. 

Faschistische Kampfverbände meutern regelmäßig, wenn sie nicht die Hoheit über Material und Nachschub erhalten. 

Ukrainische Nationalist:innen nehmen die arbeitende Bevölkerung mit Gewalt und Terror in Geiselhaft. Seit 2014 steigen die Vorfälle: Historiker:innen, die zum Holocaust forschen, mussten das Land verlassen, Minderheiten werden rassistisch verfolgt und der Antisemitismus wächst.

Es zeigt, welchen Einfluss Faschist:innen im Krieg erlangen konnten, was jedoch nicht bedeutet, dass die Ukraine ein faschistischer Staat ist.

Welche gemeinsame Perspektive?

So ungleich die Lage ist, die Klasseninteressen der Bevölkerungen sind es nicht. Arbeiter:innen auf beiden Seiten der Front haben in diesem Krieg nichts zu gewinnen.

Widerstand existiert bislang nur in Keimformen: spontane oder sehr kurzlebige Proteste gegen die Rekrutierung, kleine gewerkschaftliche Abwehrkämpfe, Desertion und Wehrflucht sind allgegenwärtig, und breite Antikriegsproteste wurden früh im Krieg zerschlagen. Es braucht Solidarität der Arbeiterklasse über die Front hinweg, gegen die jeweils eigenen Herrschenden und die Fortsetzung des Krieges. 

Um zu dieser gemeinsamen Perspektive von unten zu kommen muss jedoch eine Eskalation der Gewalt verhindert werden. Die Ukraine in eine militärisch und personell bessere Position aufzurüsten, wird das Sterben nur weiter beschleunigen. Das russische Militär weiter zu schwächen, wird nicht zu Aufständen gegen Putin führen. 

»Westliche Drohnen-Luftschläge« – als solche werden ukrainische Drohnenangriffe vom russischen Militär angesehen – weit im russischen Hinterland könnten hingegen die europäischen Arbeiter:innen in den Krieg hineinziehen und den Stellvertreterkrieg zu einem offenen Krieg eskalieren. 

Dass Friedrich Merz (CDU) auf dem NATO-Gipfel in Ankara amerikanische Tomahawk-Raketen gekauft hat, ist der nächste Schritt in der Aufrüstungsspirale zwischen Putin und der NATO. Tomahawks haben eine deutlich höhere Reichweite als deutsche Taurus-Marschflugkörper, mit denen die Bundeswehr in der Lage wäre, Moskau anzugreifen. Die Regierenden in Europa scheinen dies für ihre eigene Position in zukünftigen Verhandlungen mit Russland in Kauf zu nehmen. 

Gegen die Eskalation: Der Hauptfeind steht im eigenen Land

Für Bemühungen gegen den Krieg heißt das: Deutsche Interessen an der Fortführung des Krieges müssen breiten, politischen Protest erfahren.

Für Rheinmetall und den KI-Drohnenhersteller Helsing ist die Ukraine ein willkommenes Testfeld, das sie benötigen, um ihre Waffen zu verbessern. Deutschland hat Rüstungsabkommen mit ukrainischen Drohnenproduzenten geschlossen – Saudi Arabien ebenfalls. Der deutsche Staat und Rüstungsindustrie haben kein Interesse an einem baldigen Ende des Krieges – ihr Fokus ist wirtschaftliches Wachstum.

Wie wenig es der Europäischen Kommission und der deutschen Bundesregierung um die Menschen in der Ukraine geht, zeigt ihre Asylpolitik: Von der Leyen (CDU) will die Aufnahme von Ukrainer:innen einschränken, Dobrindt (CDU) will jungen ukrainischen Männern das Asyl verweigern, und es wird immer lauter diskutiert Ukrainer im wehrfähigen Alter zurück in ihr Heimatland zu schicken – was bedeutet, sie an die Front abzuschieben. Russische Deserteure erhalten kein Asyl und haben es seit Beginn des Krieges nicht. 

Stattdessen propagiert die Merz-Regierung wie auch die Ampel-Regierung vor ihr mehr Sanktionen, mehr Waffenlieferungen und mehr Druck auf die russische Arbeiterklasse. Diese Maßnahmen gilt es abzulehnen – sie treffen die falschen und befeuern eine Eskalation des Krieges. Dass selbst laut Friedensgutachten 69 Prozent der Ukrainer:innen diplomatische Verhandlungen wollen, interessiert dabei niemanden. Diese dürfe es laut Merz erst geben, wenn Putin darum flehe.

Geld für Soziales, Bildung und Klima – statt Aufrüstung

Zu organisierende Proteste gegen das Trommelfeuer der Regierung gegen den Sozialstaat, das Arbeitsrecht, die Rente, die Pflege, die Psychotherapie und das Gesundheitswesen müssen mit der klaren Ablehnung der Aufrüstung der Bundeswehr verbunden werden. Nein zur Wehrpflicht und Nein zu Waffenlieferungen an Israel.


Titelbild: Kelly Michals (CC BY-NC 2.0)

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