Viele Menschen demonstrieren in Chemnitz zur 1.Mai Demo gegen Sozialabbau und Rechtsruck

Warum die Regierung die Arbeitszeit verlängern will 

Heutzutage produzieren wir mehr als je zuvor. Trotzdem diskutiert die Regierung über die Aufweichung des 8-Stunden-Tags und nicht etwa über eine Arbeitszeitverkürzung. Damit greift sie eine wichtige Schutzregelung für Beschäftigte an.

Die Bosse könnten dadurch Arbeitstage von 12 Stunden und mehr sowie Wochenarbeitszeiten bis 70 Stunden deutlich leichter durchsetzen. Aber warum sollen Beschäftigte trotz steigender Produktivität immer länger arbeiten? 

Karl Marx erklärte diesen Widerspruch schon vor über 150 Jahren. Für ihn hing die Arbeitszeit unmittelbar damit zusammen, wie Unternehmen ihre Gewinne erzielen: Sie produzieren in erster Linie nicht, um gesellschaftliche Bedürfnisse zu erfüllen, sondern um Profit zu erwirtschaften. Deshalb führt technischer Fortschritt im Kapitalismus nicht automatisch zu kürzeren Arbeitszeiten oder einem besseren Leben für die Mehrheit, argumentiert Mitchie aus Berlin.

Wer von längeren Arbeitszeiten profitiert

Um zu verstehen, warum Kapitalist:innen längere Arbeitszeiten wollen, muss man zunächst verstehen, woher ihre Gewinne kommen. Nach Marx entsteht neuer Wert allein durch die Arbeit von Beschäftigten. Schon früh im Laufe des Arbeitstags haben sie den Wert ihres eigenen Lohns erwirtschaftet. Arbeiten sie danach weiter, schaffen sie zusätzlichen Wert, den sie nicht als Lohn zurückerhalten. Diesen zusätzlichen Wert bezeichnete Marx als Mehrwert. Aus ihm entstehen Gewinne und große Vermögen, die sich in den Händen einer kleinen Minderheit von Kapitalbesitzer:innen konzentrieren.

Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und zunehmender internationaler Konkurrenz suchen Kapitalist:innen nach Wegen, ihre Profite zu sichern. Sie versuchen, die Kosten dieser Entwicklung auf die Arbeiter:innen abzuwälzen – durch Personalabbau, Arbeitsverdichtung, neue Überwachungstechnologien und längere Arbeitszeiten.

Genau hier setzt Merz’ Arbeitszeitreform an: Wenn Lohnabhängige länger arbeiten oder Arbeitgeber:innen Arbeitszeiten flexibler gestalten können, wächst die Menge an Arbeit, aus der Kapitalist:innen Profite ziehen können. Marx bezeichnete die Verlängerung des Arbeitstags zur Steigerung des Profits als Steigerung des »absoluten Mehrwerts«. Je länger der Arbeitstag dauert, desto größer wird der Teil der Arbeit, aus dem Kapitalist:innen zusätzlichen Wert ziehen können. Genau deshalb spielt der Kampf um die Länge des Arbeitstags für Marx eine zentrale Rolle.

Aus seiner Sicht geht es dabei nicht nur um die Frage, wie lange Menschen arbeiten. Der Kampf um die Arbeitszeit ist auch ein Kampf darum, wie viel des gesellschaftlichen Reichtums bei den Beschäftigten bleibt und wie viel sich die Kapitalistenklasse aneignet. Denn wenn die Produktivität steigt, könnten Beschäftigte eigentlich weniger arbeiten und trotzdem denselben Lebensstandard haben. Die Menschen, die produzieren, pflegen, lehren, transportieren und unsere Gesellschaft am Laufen halten, schaffen den gesellschaftlichen Reichtum. Die Frage ist deshalb nicht, ob Beschäftigte genug arbeiten, sondern warum ein großer Teil dieses Reichtums bei einer kleinen Minderheit von Kapitalbesitzer:innen landet statt bei denjenigen, die ihn erarbeiten. 

Was bedeutet die Arbeitszeitreform für Beschäftigte?

Die Abschaffung des 8-Stunden-Tages hätte konkrete Folgen für Millionen Beschäftigte. Die Arbeiterbewegung erkämpfte Arbeitszeitgesetze, um Menschen vor gesundheitlichen Schäden durch überlange Arbeitstage zu schützen. 

Wer morgens um sieben Uhr zur Arbeit fährt, zehn bis zwölf Stunden arbeitet und erst am Abend nach Hause kommt, hat kaum noch Zeit für etwas anderes als Essen, Schlafen und sich auf den nächsten Arbeitstag vorzubereiten. Schlafmangel, Erschöpfung und psychische Belastungen nehmen zu, während die Konzentration nachlässt. Dadurch steigt auch das Risiko für Unfälle und gesundheitliche Probleme wie Burnout oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Wem nützen längere Arbeitszeiten?

Man könnte argumentieren, längere Arbeitszeiten würden zumindest zu mehr Einkommen führen.  Das stimmt teilweise: Wer länger arbeitet, kann oft mehr verdienen. Doch Beschäftigte erhalten auch dann nur einen Teil des zusätzlichen Werts, den sie schaffen, als Lohn zurück. Der zusätzliche Reichtum kommt deshalb nicht automatisch den Beschäftigten zugute, sondern vor allem den Kapitalist:innen.

Die Reform stärkt nicht die Freiheit aller, sondern vor allem die Macht derjenigen, die Arbeitskräfte beschäftigen. Beschäftigte und Kapitalist:innen stehen sich nicht als Gleichberechtigte gegenüber. Viele Beschäftigte können längeren Arbeitszeiten nicht einfach widersprechen, weil ihre Existenz vom Lohn abhängt. Die angebliche Wahlfreiheit endet dort, wo die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust beginnt.

Längere Arbeitstage bedeuten auch weniger Zeit für Familie, Freundschaften, Hobbies, politische Aktivität oder gewerkschaftliches Engagement. Das erschwert die gemeinsame Organisierung von Beschäftigten und schwächt ihre Möglichkeiten, für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen.

Marx beschrieb den Kampf um den Arbeitstag deshalb als einen zentralen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Je mehr Zeit Menschen für die Arbeit aufwenden müssen, desto weniger Zeit bleibt ihnen für ihr eigenes Leben. Die Begrenzung des Arbeitstags war für die Arbeiterbewegung deshalb immer mehr als eine soziale Schutzmaßnahme – sie war auch eine Voraussetzung dafür, sich zu organisieren und gemeinsam für bessere Bedingungen zu kämpfen.

Der 8-Stunden-Tag wurde erkämpft

Der 8-Stunden-Tag war eine der wichtigsten Errungenschaften der internationalen Arbeiterbewegung. Im 19. Jahrhundert arbeiteten viele Menschen 12 bis 16 Stunden täglich. Dagegen richtete sich die Forderung: »8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Erholung, 8 Stunden Schlaf.«

Arbeiter:innen erkämpften den 8-Stunden-Tag durch Streiks, Demonstrationen und politische Kämpfe. 1886 streikten in Chicago hunderttausende Arbeiter:innen für den 8-Stunden-Tag. In Deutschland führten die Revolution von 1918 und der Druck der Arbeiter- und Soldatenräte zur Einführung des 8-Stunden-Tages.

Die heutige Debatte um die Arbeitszeitreform zeigt, dass dieser Konflikt keineswegs der Vergangenheit angehört. Beschäftigte müssen Verbesserungen selbst erkämpfen, verteidigen und ausweiten.

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