Vor 90 Jahren fand in Spanien eine Revolution statt, die das Potenzial hatte, die Gesellschaft grundlegend zu verändern.
Im Kampf gegen den Franco-Faschismus eroberten spanische Arbeiter:innen in weiten Teilen des Landes die Macht in den Betrieben und Stadtteilen. Sie gründeten Fabrikkomitees und organisierten die Bedürfnisse des täglichen Lebens wie medizinische Versorgung, Lebensmittelversorgung und Transport selbst von unten.
In diesen Kämpfen veränderten die spanischen Arbeiter:innen nicht nur die Strukturen der sie umgebenden Gesellschaft, sondern im Kampf veränderte sich auch ihr Bewusstsein.
Der britische Autor George Orwell war Zeitzeuge und aktiver Teilnehmer der Ereignisse. In seinem Buch »Mein Katalonien« berichtet er:
»Zum ersten Mal war ich in einer Stadt, in der die arbeitende Klasse im Sattel saß. Die Arbeiter hatten sich praktisch jedes größeren Gebäudes bemächtigt und es mit roten Fahnen oder der rot-schwarzen Fahne der Anarchisten behängt. Private Autos gab es nicht mehr, sie waren alle requiriert worden. Sämtliche Straßenbahnen, Taxis und die meisten anderen Transportmittel hatte man rot und schwarz angestrichen.
Vor allen Dingen aber glaubte man an die Revolution und die Zukunft. Man hatte das Gefühl, plötzlich in einer Ära der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie ein Rädchen in der kapitalistischen Maschine.«
Wie kam es zur Spanischen Revolution?
Das Spanien der 1920er und 1930er Jahre war, wie auch weite Teile Europas, Schauplatz sich immer weiter zuspitzender Arbeiterkämpfe und Klassenpolarisierung. Bei den Wahlen 1936 gewann vor diesem Hintergrund ein Mitte-Links-Bündnis. Darin waren bürgerliche Parteien der Mitte und Arbeiterparteien inklusive der Kommunistischen Partei. Gemeinsam bildeten sie eine »Volksfrontregierung«.
Ermutigt durch diesen Erfolg, traten die Arbeiter:innenmassen zunehmend selbstbewusster für ihre Forderungen ein. Die Kapitalist:innen und Großgrundbesitzer:innen waren schockiert. Alles, was ihnen wichtig und heilig war, wurde durch diese Bewegung in Frage gestellt: Privateigentum, staatliche Einheit, die Kirche.
Angesichts dessen setzte die herrschende Klasse Spaniens auf einen Putsch des Generals Franco. Unterstützt von der faschistischen Partei Falange Espanola übernahm Franco am 17. Juli, in einem Aufstand die Garnison in der spanischen Kolonie in Marokko und rief gleichzeitig alle Garnisonen in Spanien zum Aufstand gegen die Regierung auf.
Arbeiter:innenmacht stoppt Francos Vormarsch
Arbeiter:innen wurden massenhaft gegen den Staatsstreich aktiv. Sie belagerten die Kasernen und forderten die Soldaten auf, nicht auf die Befehle ihrer Offiziere zu hören.Viele Kasernen schlossen sich den Protesten an, öffneten die Tore und übergaben den Arbeiter:innen die Waffenarsenale.
So begann gleichzeitig die spanische Revolution, aber auch der spanische Bürgerkrieg. Die Arbeiter:innen waren in mehr als der Hälfte des Landes erfolgreich.
Milizen, die sich gegen den faschistischen Putsch des Generals Franco gründeten, organisierten sich nach ganz anderen Prinzipien, als übliche Militäreinheiten: Frauen und Männer waren gleichberechtigt, sie wählten ihre militärischen Oberhäupter:innen, schafften den militärischen Gruß ab.
Zum ersten Mal erlebten die Arbeiter:innen in dieser Bewegung echte Macht und Solidarität. So konnten sie lernen, alte Formen der Unterdrückung zu überwinden. Sie gingen das Problem der sexuelle Belästigung an, ermöglichten zum ersten Mal in katholischen Spanien Scheidungen, legalisierten Abtreibung, führten eine zivile Trauung ein und vieles mehr. Für eine kurze Zeit war Spanien das fortschrittlichste Land Europas.
Doppelherrschaft
Es entwickelte sich eine Art Doppelherrschaft. Zwar gab es die Volksfront-Zentralregierung noch, aber der Staat, den sie regieren wollte, zerfiel. Das Militär war entweder zu Franco oder zu den Arbeiter:innen übergelaufen.
Gleichzeitig bildete sich von unten die Arbeiter:innenmacht, die sich um die Aufgaben des täglichen Lebens kümmerte: Lebensmittel- und medizinische Versorgung, Transport, Rekrutierung für die Arbeitermilizen sowie die Weiterführung der notwendigen Produktion.
Fabrik- und Stadtteilkomitees hatten die Macht in vielen Städten. Aber sie waren nur lose miteinander verbunden und bildeten keine landesweite Führung. Diese Aufgabe hätte die größte Gewerkschaft, die CNT, übernehmen können. Aber die anarchistische Führung der CNT argumentierte, Macht an sich wäre korrupt und diktatorisch.
Statt die Führung der Revolution zu übernehmen, entschied die CNT im Herbst 1936, sich der Volksfrontregierung anzuschließen und stellte vier Minister. Führende Mitglieder einer anarchistischen Gewerkschaft, die jegliche politische Herrschaft ablehnten, wurden Teil des bürgerlichen Machtapparates.
Die Volksfrontregierung
Die Regierung argumentierte, revolutionäre Aktivitäten wie Streiks, Fabrik- und Landbesetzungen zu beenden und die revolutionären Milizen aufzulösen. Sie hoffte, dadurch die kleinbürgerlichen Mittelschichten für den Kampf gegen Franco gewinnen zu können. Und sie wollte die französische und britische Regierung zu Waffenlieferungen bewegen.
Innerhalb der Volksfront-Regierung konnte die stalinistische Kommunistische Partei, die PCE, zunehmend einen Führungsanspruch geltend machen, unter anderem weil Stalins Russland fast das einzige Land war, das Waffen lieferte.
Aber die Politik der PCE war nicht darauf ausgerichtet, die spanische Revolution voranzubringen. Ihre Priorität war, im Sinne Stalins Außenpolitik, die bürgerlichen Bündnispartner in Frankreich und England nicht zu verschrecken. Stalin hoffte auf deren Unterstützung im absehbaren Krieg gegen Nazi-Deutschland.
Revolutionäre Politik
Die Revolutionäre hingegen hatten wenig Hoffnung, dass bürgerliche Kräfte den Kampf gegen die Faschisten zum Erfolg führen würden. Sie setzten auf eine Ausweitung von Streiks, Fabrik- und Landbesetzungen. Sie wollten eine gerechte und demokratische Gesellschaft errichten, die die Menschen in Francos Hinterland und nicht zuletzt seine Soldaten, von den Zielen der Revolution überzeugen könnte.
Jedoch hatten die Revolutionäre keine landesweite Organisation mit Verankerung in der Klasse. Deswegen konnte sich das Bündnis aus bürgerlichen, stalinistischen und anarchistischen Kräften durchsetzen und die Revolution beenden.
Die PCE und die Volksfront setzten alles daran, die revolutionären Milizen zu entwaffnen und revolutionäre Arbeiter:innen zu verfolgen und zu verhaften. In vielen Fällen wurden Revolutionäre ermordet.
Die Priorität der Volksfront-Regierung auf die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Ordnung und die Niederschlagung der Revolutionäre führte nicht zum Sieg gegen Franco. Die revolutionären Arbeiter:innen wurden in eine schreckliche Niederlage geführt, die rund 500.000 Menschen das Leben kostete und Spanien bis 1976 der faschistischen Diktatur Francos aussetzte.
Francis Byrne (Köln) und Steffi Mackies (Jena)