Viele Verschwörungstheoretiker wenden sich gegen die tatsächlichen oder vermeintlich Mächtigen in der Gesellschaft. Tatsächlich können sie jedoch für das System eine nützliche Rolle spielen, indem sie die Aufmerksamkeit von den wahren Machthabern und Machtstrukturen ablenken.
Für jedes bedeutende Weltgeschehen gibt es eine Verschwörungstheorie. Menschen, die den völkermordenden Staat Israel zu Recht verabscheuen, sehen hinter dem Krieg gegen den Iran die Hand des Zionismus. Doch die Zionisten ziehen nicht die Fäden der Staats- und Regierungschefs dieser Welt. Wer dies glaubt, will sich oft ausschließlich auf den Antizionismus fokussieren. Andere politische Kampagnen werden als irrelevant abgetan, und es kann zu antisemitischen Klischees kommen.
Wer von den Enthüllungen in den Jeffrey–Epstein-Akten angewidert ist, könnte glauben, alles sei nur ein Trick, um die Aufmerksamkeit von den schuldigen Männern abzulenken. Die Epstein-Akten haben zwar ein Netzwerk wohlhabender und mächtiger Personen aufgedeckt, die mit Kindern und Frauen gehandelt und sie missbraucht haben. Doch sie erklären nicht Donald Trumps imperialistische Kriege.
Echsenmenschen und Schlafschafe
Verschwörungstheorien über Gestaltwandler-Echsen lassen sich leicht belächeln. Doch Verschwörungstheorien entstehen gerade wegen der chaotischen, unvorhersehbaren und scheinbar irrationalen Welt, in der wir leben. Die Menschen sind dafür empfänglich, weil sie spüren, dass mit der Gesellschaft etwas grundlegend nicht stimmt – aber sie wissen nicht, was.
Wie Frank Spotnitz, Drehbuchautor der TV-Serie Akte X, erklärt, bieten Verschwörungstheorien »einen magischen Schlüssel, der alle Teile zusammenfügt«. Wahrheitssuchende sind stolz auf ihr überlegenes Verständnis der Realität. Sie halten den Rest von uns für nichts als »unwissende Schlafende«, für »Schlafschafe«, wie es im verschwörungstheoretischen Jargon heißt.
Nützliche Rolle für das System
Verschwörungstheoretiker können für das System eine nützliche Rolle spielen, indem sie die Aufmerksamkeit von den Machthabern und den tatsächlichen Strukturen der Gesellschaft ablenken. Im Mittelalter beispielsweise wurden Frauen der Hexerei bezichtigt, und oft wurden roma- und jüdische Gemeinschaften für ansonsten unerklärliche Krankheiten verantwortlich gemacht.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts und in neuen Formen ebenso danach blieben jüdische Menschen eine Zielscheibe. Heute allerdings werden Verschwörungstheorien zunehmend genutzt, um nicht nur Naturereignisse, sondern auch gesellschaftliche Ereignisse zu erklären. Oft werden sie von den Mächtigen selbst ausgestreut.
Die Französische Revolution beispielsweise von 1789 wurde häufig als Verschwörung von Geheimgesellschaften wie den Freimaurern oder den Illuminaten abgetan. Solche Verschwörungstheorien entsprachen eher gängigen Vorurteilen als der Realität – nämlich, dass das Volk aufbegehrte und einen König stürzte.
In Finanzkreisen wird gerne die Geschichte erzählt, dass der Auslöser für die Finanzkrise 2007 und Folgejahre eine soziale Maßnahme der US-Regierung unter Bill Clinton war. Dieser erließ ein Gesetz, wonach die Banken Kredite auch an Bewohner:innen von Armenvierteln vergeben sollten. Als dann eine »schwarze, alleinerziehende Krankenschwester« einen solchen Kredit nicht zurückzahlen konnte, kam es zu einer Kettenreaktion und die Banken brachen der Reihe nach zusammen. Der Sozialstaat wäre also an der Finanzkrise schuld.
Der Kapitalismus zielt auf Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft. Dazu gehört, Unfrieden und Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen von Arbeiter:innen zu schüren. Die Verschwörungstheorie des von den Mächtigen gesteuerten »großen Bevölkerungsaustauschs« passt hier her.
Diffamierung von Linken
Verschwörungstheorien dienten auch dazu, Kommunisten zu diffamieren. So behaupteten in Deutschland 1920 während des Aufstandes der »Roten Ruhrarmee« bürgerliche Kreise, der Aufstand sei von Lenin gesteuert, dieser hielte schon Reden in Dortmund.
Wenige Tage vor den Parlamentswahlen 1924 setzte die britische Zeitung »Daily Mail« eine Verschwörungstheorie in Gang, indem sie einen gefälschten Sinowjew-Brief veröffentlichte. Darin wurde behauptet, die Labour-Partei stünde kurz davor, eine Revolution zu entfachen. Labour verlor daraufhin die Wahl.
Der Begriff »Verschwörungstheorien« kam in den 1960er Jahren inmitten weltweiter Aufstände und Proteste in den allgemeinen Sprachgebrauch. Dies wurde durch mehrere reale Ereignisse angeheizt, die die Menschen zutiefst erschütterten: das Massaker von My Lai in Vietnam im Jahr 1969, der Watergate-Skandal von 1974 und eine Welle politischer Attentate.
Nach dem 11. September 2001 verbreiteten sich Verschwörungstheorien wie ein Lauffeuer. Sie kursierten unter jenen, die nicht glauben konnten, dass die mächtigen Vereinigten Staaten auf ihrem eigenen Boden so einfach angegriffen werden konnten. Dann kamen der Aufstieg der extremen Rechten und die Corona-Lockdowns – und neue Theorien nährten sich vom Misstrauen gegenüber Regierungen und der medizinischen Fachwelt.
Verschwörungstheorien haben in Krisenzeiten Konjunktur
Es zeichnet sich ein Muster ab: Wenn das Vertrauen in das Establishment schwindet, gewinnen Verschwörungstheorien an Boden. In Krisenzeiten wird die Legitimität der herrschenden Klasse in Frage gestellt.
Dies führt zu Verschwörungstheorien, die extrem und systemfeindlich klingen können. Dennoch sind sie mit der Existenz der herrschenden Klasse und ihres repressiven Staatsapparats vereinbar.
Verschwörungstheorien finden Anklang, denn, wie es Karl Marx und Friedrich Engels im »Kommunistischen Manifest« erklärten: »Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.«
Im Kampf die Natur des Systems erkennen
Die Ideen, zu deren Akzeptanz wir gedrängt werden, können im Widerspruch zu unseren eigenen Erfahrungen stehen. Doch nur selten ziehen die Menschen sofort revolutionäre Schlussfolgerungen. Vielmehr klammern sie sich an unvollständige, verzerrte Erklärungen, die sich auf die Verfehlungen marginalisierter Gruppen, auf abtrünnige Staatsbedienstete, korrupte Manager oder auf prominente Einzelpersonen konzentrieren. Der Marxismus hingegen versteht den Kapitalismus als ein Ganzes und nicht als eine Aneinanderreihung von zusammenhanglosen Verschwörungen.
Dies schließt natürlich nicht aus, dass es tatsächlich Verschwörungen gibt, wobei vieles völlig legal etwa in Form von »Interessenverbänden« stattfindet. Der Kapitalismus ist weitaus schlimmer als die schlimmste Verschwörungstheorie. Er ist ein ganzes System, das um jeden Preis nach Profit strebt und streben muss und endlose Kriege führt.
Entfremdung kann dazu führen, dass wir uns machtlos fühlen, Angst vor anderen haben und anfällig für Theorien werden, die uns falsche Feinde und falsche Lösungen vorgaukeln. Doch der Kampf der Arbeiterklasse gibt uns die Möglichkeit, die wahre Natur des Systems aufzudecken. Dabei ist der Marxismus die Theorie, die wir brauchen.
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