Blumenkranz gesteckt und abgelegt am Landgericht Freiburg von Betroffenen des Missbrauchs.

Mieten und Missbrauch 

Ein Freiburger Vermieter sammelte 15 Jahre lang heimlich Filmmaterial von Mieterinnen. Das zeigt, wie Privatbesitz Machtmissbrauch ermöglicht.

Betroffene Mieterinnen konnten sich wegen der hohen Mieten auf dem angespannten Wohnungsmarkt keine andere Wohnung leisten, um dem übergriffigen Mieter zu entgehen. Anstatt jedoch über die problematischen Verhältnisse des Immobilienbesitzes in Universitätsstädten zu sprechen, dreht sich die Debatte seither nur um strengere Überwachung und neue Strafen. 

Massiver Fall von sexuellem Übergriff in Freiburger Mietverhältnis

Mindestens 800 Frauen wurden in Freiburg von ihrem Vermieter, einem Mitarbeiter der Universität auf Toiletten, in der Dusche, und bei der Studienberatung heimlich gefilmt. Seit der Fall nach der Verurteilung des Täters am 09. März 2026 öffentlich ist, stellen immer mehr Frauen nach eigenständiger Recherche fest, dass auch sie Opfer von »Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs« wurden. So nennt man auf Juristendeutsch, wenn Menschen ohne ihre Einwilligung in intimen Sphären gefilmt werden.

Dass die Aufnahmen in diesem Fall zur sexuellen Befriedigung des Täters dienten und die Aufnahmen in diesem Sinne einen sexuellen Übergriff darstellen, spielt strafrechtlich keine Rolle. Der Täter wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt und der Fall wird nun neu aufgerollt.

Der Täter hatte an seinem Arbeitsplatz in der Mitarbeiterinnen-Toilette des Service-Center-Studiums der Universität Freiburg und bei sensiblen Beratungsgesprächen mit Studierenden im Gesprächsraum Kameras installiert. Weitere Kameras hat er im Bad einer Wohnung versteckt, deren Zimmer er ausschließlich an Studentinnen im ersten Semester nach Musterung ihres Aussehens vermietete.

Dort entdeckten gefilmte Frauen die Kamera schließlich und ließen den Täter auffliegen. Der Täter hatte sich unter Vorwänden regelmäßig Zutritt zu der von ihm vermieteten Wohnung verschafft, um die Speicherkarten der Videokameras auszutauschen. All das wurde erst nach 16 Jahren (seit 2009 filmte er) und vier Festplatten voll Videomaterial aufgedeckt.

Kein Einzelfall sondern Resultat von Besitzverhältnissen

Dieser Fall ist nicht nur deswegen kein Einzelfall, weil er so massiv viele Frauen betrifft, die sich nun zum Teil selbst darüber Gewissheit schaffen müssen, ob sie Opfer geworden sind. Die Polizei und die Universität betrachten es anscheinend nicht als ihre Aufgabe, alle Betroffenen, auch die verjährten Fälle vor 2019, zumindest zu informieren.

Er ist auch nicht nur in dem Sinne kein Einzelfall, als dass viele Frauen sexuell übergriffiges Verhalten durch Vermieter oder Hauptmieter erfahren, insbesondere im Kontext einer verzweifelten Suche nach einer Bleibe in überteuerten Städten als junge Ausbildungs-, Studien- oder Arbeitsanfängerinnen. Offizielle Studien sind dazu keine zu finden, jedoch zahlreiche anekdotische Evidenzen. Dieser massive sexuelle Übergriff ist strukturell bedingt.

Die Anhäufung von Privatbesitz in Form von Immobilien und die Besitzlosigkeit vieler sind ein inhärenter Bestandteil des Kapitalismus. Jeder Mensch, der einmal Monopoly gespielt hat, weiß das. Diese sexuellen Übergriffe sind eine Form des Machtmissbrauchs, der dadurch möglich gemacht wird, dass immer weniger Menschen, vor allem weiße Männer, über immer mehr Vermögen verfügen.

Laut Daten aus dem Jahr 2019 sind knapp 70 Prozent der Millionär:innen in Deutschland Männer. Nur 14 Prozent haben einen Migrationshintergrund, während 31 Prozent der Menschen in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung einen Migrationshintergrund haben. 40 Prozent sind über 64 Jahre alt, dabei machen die 64-Jährigen nur 22 Prozent der deutschen Bevölkerung aus. Nicht selbstgenutzter Immobilienbesitz macht rund ein Viertel ihres Bruttovermögens aus. Vermietete Immobilien werden in Deutschland fast ausschließlich von den reichsten zehn Prozent in Form von Vermögensanlagen besessen.

Der Diskriminierung wehrlos ausgeliefert

Vor allem junge und mittellose Menschen sind jenen privaten Grundbesitzern vollkommen ausgeliefert, um ihre grundlegendsten Bedürfnisse nach einem Dach über dem Kopf zu stillen. Vor allem junge Frauen müssen sich Misogynie und sexuelle Übergriffe, und migrantische und rassifizierte Menschen Rassismus gefallen lassen, um nicht wohnungslos zu sein.

Besitzlosigkeit macht von Besitzenden abhängig und Letztere können diese Abhängigkeit ausnutzen, um intersektionale Gewalt auszuüben – und sie tun es auch, wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes dokumentiert.

Eine der gefilmten Frauen wird in der Badischen Zeitung folgendermaßen zitiert: Die Art, wie der Vermieter ihren Körper angeschaut habe, habe ihr beim Besichtigungstermin ein komisches Gefühl gegeben. Genauso, dass sie bei der Bewerbung auf die Wohnung ein Foto von sich hätte schicken sollen und bei der Besichtigung nur junge Frauen waren. Dass der Vermieter ständig, ohne Ankündigung, mit eigenem Schlüssel in die Wohnung kam, hätte sie in ihrer Privatsphäre eingeschränkt. Aber die Wohnung kündigen, sich diesem Verhältnis zu entziehen, hätte wegen des angespannten und überteuerten Wohnungsmarkts bedeutet, im schlimmsten Fall gar keine (bezahlbare) Wohnung zu haben.

Der Staat formt ungleiche Verteilung von Wohnraum 

In Deutschland besitzt 44 Prozent der Bevölkerung den Wohnraum, in dem sie leben – in Städten ist die Prozentzahl allerdings deutlich geringer. In Freiburg leben 26,1 Prozent der Bevölkerung im Eigenheim – in Berlin nur 15,8 Prozent. Die Wohnungsnot ist groß in deutschen Städten und die Politik antwortet mit extremen Steuervorteilen für Investments in Immobilien.

Rendite für Immobilieninvestments gibt es so gut wie steuerfrei. Erbt man mehr als 300 Wohnungseinheiten, gilt das als Betriebsvermögen und ist insofern von der Erbschaftssteuer befreit. Deutschland belastet das Arbeitseinkommen steuerlich schwer – und schont die Reichsten.

Die Mietbelastung ist in Deutschland inflationsbereinigt nicht stark gestiegen. Es fühlt sich für viele Menschen nur so an, weil sie ungleich verteilt ist. Menschen mit sehr niedrigem Einkommen geben bis zu 40 Prozent ihres Einkommens für Mieten aus.

Anstatt die Mietpolitik radikal zu verändern, nährt der Staat eine Verschärfung der Ungleichheit und macht Wohnraum durch seine Steuerpolitik zu einer spekulativen Anlage für Superreiche. Ab wie viel Immobilienbesitz ist es einem als Eigentümer wohl egal, ob ein Haus leer steht? Und wem hilft öffentlich-privater Wohnungsbau, der dementsprechend genauso teure Quadratmeter produziert, während er den Boden versiegelt?

Miethaie enteignen!

Man könnte stattdessen Superreiche und Immobilienkonglomerate enteignen und Wohnraum vergemeinschaften, wie es 57,6 Prozent der Wähler:innen beim Berliner Volksentscheid »Deutsche Wohnen & Co. enteignen« im September 2021 gefordert haben. Viereinhalb Jahre später tanzt die Berliner Regierung nach den Forderungen von Wirtschaftsakteuren wie der Industrie- und Handelskammer (IHK), um nicht Mieter:innen sondern »Eigentum, Planungs- und Rechtssicherheit sowie die Verlässlichkeit wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen« zu schützen, also Faktoren, die für die privaten Investitionen entscheidend sind. Damit stellen sie sich gegen das Ergebnis des demokratischen Entscheids.

Staat und Markt machen Immobilienbesitz zu einer Machtposition, die massive sexuelle Belästigungen erst ermöglicht. Der Fall zeigt, wie Privatbesitz, Kapitalakkumulation und intersektionale Gewalt zusammenhängen. Indem sie vulnerablen Menschen ihre grundlegenden Rechte auf Wohnen versagen, machen Staat und Markt Menschen, die von Sexismus und Rassismus oder anderen Diskriminierungsformen betroffen sind, abhängig und noch vulnerabler.


Bild: Blumenkranz gesteckt und abgelegt am Landgericht Freiburg von Betroffenen des Missbrauchs. (Foto von einer Betroffenen, die anonym bleiben möchte.)

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