Am 1. Juli 2009 wurde die Apothekerin Marwa El Sherbini aus islamfeindlichen Motiven im Dresdner Landgericht ermordet. Zum Jahrestag dieses ersten offen islamfeindlichen Mordes gibt es jedes Jahr Protest gegen antimuslimischen Rassismus. Denn diese Form des Rassismus steigt weiter an. Von Francis Byrne.
Das dokumentiert die gemeinnützige Organisation CLAIM in ihrem »Zivilgesellschaftlichen Lagebild antimuslimischer Rassismus«. Darin gibt CLAIM Auskunft über insgesamt 4.096 dokumentierte Vorfälle von antimuslimischem Rassismus in Deutschland im Jahr 2025.
Dabei ist von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen, denn in Deutschland melden laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte nur 4 Prozent der Betroffenen eine erlebte Diskriminierung.
Aus dem Lagebild geht hervor, dass die Anzahl antimuslimischer Vorfälle im Jahr 2025 mit 4096 dokumentierten Vorfällen einen neuen Höchststand erreicht hat. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der dokumentierten Vorfälle um 33 Prozent.
Erschreckende Vorfälle
Die dokumentierten Vorfälle sind erschreckend: Tötungsdelikte, schwere Körperverletzungen, Hakenkreuzschmierereien und Bombendrohungen gegen religiöse Einrichtungen, verbale Diskrimierung, Brandstiftungen und vieles mehr.
In ihrer Pressemitteilung zählt CLAIM auf:
»Verbale Angriffe machen mit 2.379 Fällen den größten Anteil aus (61,1 Prozent), gefolgt von 840 Diskriminierungen (21,5 Prozent) sowie von 680 dokumentierten Fällen verletzenden Verhaltens (17,4 Prozent) – dazu zählen u. a. Körperverletzungen und Sachbeschädigungen. … [Es gab eine] Zunahme schwerer Delikte: Dokumentiert wurden mit 2 Tötungsdelikten, 214 Körperverletzungen – darunter 4 schwere Körperverletzungen/versuchte Tötungen und 5 Brandstiftungen – eine Zunahme bei schweren Delikten im Vergleich zum Berichtsjahr 2024 (2024: 2 Tötungsdelikte, 198 Körperverletzungen, davon 3 schwere Körperverletzungen/versuchte Tötungen, 4 Brandstiftungen). … 64 Übergriffe auf religiöse Einrichtungen/ Orte – darunter 61 Angriffe auf Moscheen (2024: 67).«
Rima Hanano, Co-Geschäftsführerin von CLAIM schreibt: »Besonders alarmierend ist, dass die Gewalt zunimmt und selbst Kinder betroffen sind.«
So gab es an einer Schule in Bayern einen rassistisch motivierten Angriff mit Tötungsabsicht mit einem Hammer gegen einen 13- und einen 14-jährigen Schüler. Der Täter gab zu Protokoll, dass er muslimische Schüler mit Migrationsgeschichte töten wollte.
Frauen besonders häufig betroffen
Besonders häufig von antimuslimischen Übergriffen betroffen sind Frauen: »In den Fällen, in denen Angaben zum Geschlecht vorliegen, sind Frauen mit 64,5 Prozent der dokumentierten Fälle besonders häufig betroffen. Die Ergebnisse bestätigen damit erneut die besondere Betroffenheit sichtbar muslimischer Frauen an der Schnittstelle von Rassismus und Sexismus.«
Ein Beispiel von vielen: Im Dezember 2026 wurde in Düsseldorf eine 52-jährige kopftuchtragende Frau auf einem Fahrrad von einem unbekannten Mann zunächst rassistisch beleidigt und dann mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Sie stürzte, verlor das Bewusstsein und erlitt erhebliche Verletzungen.
Die psychologischen Folgeschäden für jedes einzelne Opfer sind erschütternd. So berichtete die Düsseldorferin gegenüber der Polizei, dass sie seit dem Angriff unter Ängsten leidet, das Haus nicht mehr allein verlässt und nicht mehr gut schlafen kann.
Versuche antimuslimischen Rassismus zu verleugnen
Antimuslimischer Rassismus in Deutschland ist anhand von Studien und Forschungen sehr gut belegt. Dennoch wird in der gesellschaftlichen Debatte versucht, die wissenschaftlichen Ergebnisse und den Begriff des antimuslimischen Rassismus selbst zu delegitimieren und sogar zu verleugnen.
So fragte Markus Lanz in seiner Talkshow jüngst »was zum Teufel ist Rassismus in Bezug auf eine Religion?« Und in der gleichen Sendung sprach die Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln, Güner Balci von »vermeintlicher Islamophobie«.
Tatsächlich hat sich der Rassismusbegriff in den letzten Jahren ausgeweitet. Wissenschaftlich gibt es keine unterschiedlichen menschlichen Rassen. Es gibt nur eine menschliche Rasse mit fließenden, historisch entstandenen Unterschieden. Und die Unterschiede innerhalb einer Gruppe sind größer, als die Unterschiede von einer Gruppe zur anderen.
Der biologisch argumentierende Rassismus gegen andere Bevölkerungsgruppen ist also genauso unsinnig, wie der Rassismus gegen jüdische Menschen oder im Fall des antimuslimischen Rassismus gegen Menschen, die dem Islam zugeordnet werden. Und dennoch wird dieser Rassismus benutzt, um politische Ziele zu lenken. Mit Rassismus gegen Menschen, die einer bestimmten Religion zugeordnet werden, hat sich nur die Kategorie erweitert. Die rassistische Diskriminierung und ihre gesellschaftliche Funktion bleiben gleich.
Nicht die Opfer sind schuld!
CLAIM klagt an:
»Die Analyse der dokumentierten Fälle zeigt …, dass antimuslimische Vorfälle häufig im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen Debatten über Migration, Asyl, Integration und Sicherheit stehen. Diskussionen über diese Themen werden regelmäßig mit islam- und muslimfeindlichen Ressentiments verknüpft. Muslim:innen werden in Teilen des öffentlichen Diskurses insbesondere wiederholt mit Extremismus und Gewalt assoziiert oder als Integrationsproblem dargestellt. Solche Zuschreibungen tragen zu einer Normalisierung rassistischer und menschenfeindlicher Positionen bei und schaffen ein Klima, das Diskriminierung und Übergriffe begünstigt.«
Zudem gehören »antimuslimische Narrative … zu den zentralen Mobilisierungsthemen rechter und rechtsextremer Akteure, wodurch antidemokratische Positionen zunehmend in gesellschaftliche und politische Debatten einsickern.«
Said Etris Hashemi – sein Bruder wurde bei dem rassistischen Terrorangriff in Hanau ermordet, er selbst schwer verletzt – erklärt:
»Während politisch Verantwortliche noch über Begriffe und Definitionen diskutieren, erleben Menschen jeden Tag die Folgen von antimuslimischem Rassismus. Hanau hat gezeigt, wohin Ausgrenzung, Entmenschlichung und rassistische Feindbilder führen können. Antimuslimischer Rassismus ist kein Randphänomen, sondern Realität für viele Menschen in diesem Land. Die Lehren aus Hanau müssen uns dazu verpflichten, auch antimuslimischen Rassismus konsequent zu benennen und zu bekämpfen, bevor aus Worten Gewalt wird.«
Omnipräsent: Institutionalisierter Rassismus
Ein ganz wichtiger Aspekt des Lagebilds ist die Auswertung der Studie »Institutionen & Rassismus (InRa)« die unter der Leitung von Prof. Dr. Gert Pickel von der Universität Leipzig durchgeführt wurde.
Hierzu berichtet das Lagebild:
»Das zentrale Ergebnis der Studie ist: Nicht alle Behördenmitarbeitenden verhalten sich rassistisch, aber es gibt in jeder Behörde Rassismus oder rassistische Diskriminierung. Von der rassistischen Diskriminierung waren Personen und Personengruppen betroffen, die aufgrund äußerer Merkmale und ethnischer Zugehörigkeit als „fremd“ klassifiziert wurden, darunter auch Muslim:innen. So gaben in einer Betroffenenbefragung unter 468 Muslim:innen 80 Prozent der Befragten an, Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben. Wurde konkreter nach Ämtern und Behörden gefragt, variierten die berichteten Diskriminierungserfahrungen von Muslim:innen zwischen 44 Prozent in Jobcentern und 50 Prozent in Ausländerbehörden.«
Antimuslimischer Rassismus an Schulen
Einen anderen, erschütternden Aspekt von institutionalisiertem Rassismus zeigt ein am 1. Juni 2026 veröffentlichter Bericht von ADAS, der Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen in Berlin, auf.
Demnach gehen rund 76 Prozent der gemeldeten Diskriminierungsfälle gegen muslimische Schüler:innen von Lehrkräften aus. Die Diskriminierungen reichen von verbalen Äußerungen wie »nicht richtig deutsch« oder »zu wenig demokratisch« bis hin zu handgreiflichen Verhinderungsversuchen von Gebeten.
Sabine Gauch, bei ADAS für das Monitoring zuständig, sagt in einem Zeitungsbericht: »Benachteiligungen finden in allen Berliner Bezirken und Schulformen statt. Dabei geht es nicht um Einzelfälle. Sondern um strukturelle und institutionell verankerte Muster.«
Antimuslimischen Rassismus hat System
Vorurteile und Diskriminierung gegen muslimische Menschen sind ein breites gesellschaftliches Phänomen mit großer institutioneller Tragweite.
Von der AfD, aber auch von Politiker:innen der CDU und manchen Medien wird antimuslimischer Rassismus genutzt. Die AfD knüpft an verbreitete rassistische Vorstellungen an, um Menschen aus der Mitte der Gesellschaft zu sich herüberzuziehen. Der Regierung nützt er, um die eigenen imperialistischen Interessen zu rechtfertigen und um mögliche Gegenwehr gegen Kürzungen und soziale Bewegungen zu spalten.
Antimuslimischer Rassismus führt zu rassistischen Gewalttaten, wie den Mord an Marwa El Sherbini und die rassistischen Morde in Hanau. Darüber hinaus schwächt jeglicher Rassismus unsere Bewegungen und stärkt die Faschisten.