Wir wollen, dass das Leben im Hier und Jetzt besser wird. Und der Kampf für Reformen trägt dazu bei, die Voraussetzungen für den revolutionären Kampf zu schaffen, argumentiert Judy Cox.
Manche Menschen behaupten, dass Arbeiter:innen erst völlig verzweifelt sein müssen, bevor sie sich erheben.
Arbeiter:innen, die ein Zuhause und einen Laptop besitzen und Urlaub machen, so lautet das Argument, hätten zu viel zu verlieren, um Revolutionäre zu werden.
Wer diese Ansicht vertritt, lehnt oft alle Reformen ab, die das Leben der Arbeiter:innen verbessern, aus Angst, dass diese dadurch mit dem System versöhnt werden könnten.
Dies beruht jedoch auf einem tiefgreifenden Irrtum.
Es stimmt, dass Karl Marx und Friedrich Engels die wirtschaftliche Lage in den Mittelpunkt rückten, als sie die Niederlage der revolutionären Welle von 1848 erklärten.
Engels schrieb, dass die Krise von 1847 zwar die Mutter der Revolution war, der Aufschwung von 1849–51 jedoch die Mutter der Konterrevolution.
Das bedeutete jedoch nicht, dass Marx und Engels der Ansicht waren, eine Krise führe immer zu revolutionärem Handeln, während ein wirtschaftlicher Aufschwung die Arbeiterklasse stets mit dem System versöhne.
Verhältnis von Aufschwung, Krise und Klassenkampf
Der russische Revolutionär Leo Trotzki entwickelte eine marxistische Analyse über das Verhältnis zwischen Wirtschaftsaufschwung, Krise und Klassenkampf.
Trotzki argumentierte, dass der Kapitalismus durch Phasen raschen Wachstums und Phasen der Rezession gekennzeichnet sei. Solange der Kapitalismus »lebt, […] muss er eben einatmen und ausatmen«, schrieb er.
Wirtschaftskrisen können die Arbeiter:innen entmutigen, weil sie ihnen Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes einflößen.
Nach der Revolution von 1905 in Russland folgten Jahre der Wirtschaftskrise.
»Die Bewegung in Russland ist durch die Krise vollständig totgeschlagen worden, weil die Arbeiter durch die Kämpfe so gelitten haben, dass diese Depression nur niederschlagend wirken konnte«, schrieb Trotzki.
Börsenkrach
Aber das war nicht unvermeidlich. So stürzte der Börsenzusammenbruch von 1929 die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise, die es je gegeben hatte. Dennoch wehrten sich die Arbeiter:innen dagegen.
In den USA traten 1934 Lkw-Fahrer in Minneapolis in den Streik, um Gewerkschaftsrechte einzufordern. Im Herbst 1933 zählte die Ortsgruppe ihrer Gewerkschaft International Brotherhood of Teamsters 75 Mitglieder. Bis Juli 1934 stieg diese Zahl auf 7.000.
Die Streikenden bezogen arbeitslose Arbeiter in ihre Streikposten und Proteste mit ein. Dies untergrub die Drohungen der Arbeitgeber, die Arbeiter zu entlassen und durch andere zu ersetzen.
Selbstvertrauen, Organisation und Kampf
Trotzki erkannte: »Unter bestimmten Bedingungen kann die Krise der revolutionären Aktivität der arbeitenden Massen einen mächtigen Impuls verleihen. Unter anderen Umständen kann sie die Offensive des Proletariats vollständig lähmen.«
Die wirtschaftlichen Bedingungen bestimmten nicht, ob es mehr Kämpfe gab oder weniger. Das hing von Selbstvertrauen, Organisation und Kampf ab.
Das Gleiche galt für Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs. Ein Aufschwung kann zu mehr Produktion und weniger Arbeitslosigkeit führen; zudem eröffnet er die Möglichkeit, höhere Löhne zu erkämpfen.
Dies kann dazu führen, dass die Arbeiter:innen sich ihrer Schlüsselrolle in der Produktion bewusst werden und kämpferischer agieren.
Das heutige »freudlose Wachstum« hat die Ungleichheit und die Klimakatastrophe erheblich verschärft und kann zur Ablehnung des Systems führen.
Trotzki erklärte: »In dem Augenblick, wo der Betrieb aufhört, die Arbeiter zu entlassen, und neue einstellt, festigt sich die Selbstsicherheit der Arbeiter: man braucht sie wieder. Die zusammengedrückte Spirale beginnt sich wieder auszudehnen.«
Der gemeinsame Kampf beflügelt revolutionäre Ideen
Revolutionäre sind die besten Kämpfer:innen für Reformen, die das Leben der arbeitenden Klasse verbessern. Wir wollen, dass das Leben im Hier und Jetzt besser wird.
Zudem trägt der Kampf für Reformen dazu bei, die Voraussetzungen für einen revolutionären Kampf zu schaffen.
Leiden macht die Menschen nicht revolutionär. Erst der gemeinsame Widerstand beflügelt revolutionäre Ideen.
Wenn Arbeiter nicht kämpfen oder Niederlagen erleiden, fühlen sie sich machtlos. Wenn die Kämpfe zunehmen und Streiks erfolgreich sind, beginnen Arbeiter:innen, sich ihrer eigenen Macht bewusst zu werden.
Ganz gleich, ob der Kapitalismus im Aufschwung ist oder in der Krise: Wir haben die Kraft, uns zu wehren. Das Selbstvertrauen dazu hängt nicht nur von der wirtschaftlichen Entwicklung ab, sondern von Netzwerken von Sozialist:innen, die sich für die kämpferischsten Taktiken einsetzen.
Wir können nicht abwarten, bis sich die Lage verschlechtert. Wir müssen jeden Protest und jeden Streik dazu nutzen, das Feuer des Widerstands schon heute anzufachen.
Dieser Artikel erschien am 11. Juli 2026 auf Socialist Worker. Übersetzung von Francis Byrnes und Rosemarie Nünning.
Bild: Die russische Revolution von 1905 scheiterte an einer Wirtschaftskrise (Foto: wikimedia commons).