Leseempfehlung zu De Nichols’ »Auf die Straße! Kunst als Protest«. Von Francis Byrne
Soeben ist das Buch »Auf die Straße! Kunst als Protest« der US-amerikanischen Künstlerin und Aktivistin De Nichols auf Deutsch erschienen. Das Buch richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, die sich mit ihrer Kreativität aktiv in politische Bewegungen einbringen wollen.
De Nichols schreibt: »Unsere Gesellschaft erlebt ständig soziale Bewegungen, Forderungen nach Gerechtigkeit, Proteste gegen den Klimawandel […] Ganz egal, welches Thema du wählst: Dieses Buch soll Dich ermutigen und Dir Ideen an die Hand geben, Kunst als Sprachrohr zu nutzen, damit deine Anliegen Gehör finden.«
Black Lives Matter
De Nichols wurde im Jahr 2014 in ihrer Heimatstadt Ferguson politisch aktiv, als der Teenager Michael Brown bei einem Spaziergang durch sein Stadtviertel von einem Polizisten erschossen wurde. Der Mord empörte viele Menschen in den USA und weltweit. Der große und kreative Protest, an dem sich De Nichols beteiligte, war ein Katalysator für die im Jahr zuvor entstandene Black Lives Matter-Bewegung, die sich in den ganzen USA ausgebreitete hatte und den Rassismus der US-Polizei weltweit sichtbar machte.
Die Autorin kooperierte mit einem Fotografen und gemeinsam portraitierten sie Aktive in der Bewegung, um die Empörung und den Kampfeswillen der Menschen zu dokumentieren. Mit einer Freundin sammelte sie in Videoclips kurze Beiträge der Menschen in Ferguson. Sie organisierte mit anderen Aktivist:innen Protest-Flashmobs und andere Aktionen. Am bekanntesten wurde der von ihrer Gruppe konstruierte Spiegelsarg, der bei verschiedenen Gelegenheiten durch die Stadt getragen wurde. In den Spiegeln des Sargs sollte die US-Gesellschaft ihren institutionalisierten Rassismus erkennen.
Das Zusammenwirken mit anderen zeigte ihr, dass man Gleichgesinnte finden und zusammen mit ihnen gegen Unterdrückung aktiv werden kann.
Information und Sichtbarmachung
De Nichols gibt viele ermutigende Beispiele, in denen junge Menschen politisch aktiv wurden und sich mit kreativen Kämpfen gegen Entrechtung zur Wehr setzten. Am herausragendsten ist hier der Aufstand im südafrikanischen Soweto zu nennen, bei dem rund 10.000 Schüler:innen sich gegen Afrikaans – die Sprache der Buren, weißer Nachkommen europäischer Siedler:innen – als Pflichtfach im Unterricht zur Wehr setzten. Ihr Aufstand löste Massenbewegungen im ganzen Land aus und war ein wesentlicher Baustein, der die Apartheid in Südafrika zu Fall brachte.
Kunst und Kreativität sind immer auch Ausdruck sozialer Bewegungen. Sie zeigen Missstände, vermitteln emotionalen Widerstand und können Entwürfe für eine bessere Gesellschaft aufzeigen. Kunst ist nicht nur Farbe auf Leinwand, sondern ein essentieller Teil der Menschen, die die arbeitende Klasse ausmachen.
In kurzen Skizzen zeigt die Autorin, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, sich kreativ in Bewegungen einzubringen. Mit Streetart, Guerrilla-Kunst, Performance, Fotografie, Protestsongs und -gedichten und vielen weiteren Mitteln kann man sich Gehör und Aufmerksamkeit schaffen.
Das Buch gibt einen kurzen Abriss der Geschichte von Protestkunst. Das Buch nennt Francisco Goyas Zeichnungen »Die Schrecken des Krieges« von 1820, die Dada-Kunst gegen den Ersten Weltkrieg und schließlich die weltweiten Aktionen der Black Lives Matter-Bewegung. Kunst definiert sich dabei nicht durch teure Materialien oder individuellen Intellekt. Vielmehr geht es um die Kreativität, Verhältnisse offenzulegen und darum, es nicht alleine zu tun.
Gegen Vereinzelung in der Kunst und auf der Straße
Die Bewegung für ein Ende der Besatzung, Militär- und Siedlergewalt gegen die Palästinenser:innen hat in Deutschland viele Künstler:innen in die politische Aktivität gebracht. Bildende Künstler:innen, Musiker:innen und Schauspieler:innen bringen sich mit ihrer Kreativität in die Bewegung ein.
Um soziale Kürzungen, Unterdrückung, Krieg, Sexismus, Rassismus, Faschismus und die Klimakrise zu überwinden, braucht es nicht viele Bewegungen, die Widerstand leisten. Es braucht eine Bewegung: die Arbeiterbewegung.
Die arbeitende Klasse hat nicht nur das Interesse, sondern auch die ökonomische Macht, den Kapitalismus auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Dazu muss sie sich ihrer politischen Macht bewusst werden und diese gegen die Herrschenden ausüben.
»Auf die Straße! Kunst als Protest« zeigt auf, dass Kunst und künstlerische Kreativität immer Teil politischer Bewegungen waren. Sie waren Quelle von Kraft und Selbstvertrauen. Nicht weil Kunst nett anzuschauen ist, sondern weil Kunst immer Teil menschlichen Zusammenlebens – und Leidens – war und ist. Kunst, nicht um darin lediglich Trost zu finden, sondern um die herrschenden Verhältnisse zu überwinden. Bertolt Brecht zeigte in seiner Kunst diesen Unterschied.
Das Buch endet mit dem Satz: »Leg los. Gestalte den Wandel, der nötig ist für eine bessere Welt.« De Nichols ermutigt dazu, sich selbst mit Kopf und Körper in Bewegungen einzubringen.
Veränderung braucht Organisation
Für Sozialismus von unten ist klar, dass für politischen Wandel bis hin zur Zerschlagung des Kapitalismus Kreativität allein nicht ausreicht. Sie muss eine Richtung haben. Ohne eine revolutionäre Organisation mit demokratischer Debatte und kollektivem Handeln bleibt Widerstand punktuell. »Sozialismus von unten« ist der Ort, um Kopf und Körper gegen das System zu organisieren.
Bildquelle und Link zum Buch: Gerstenberg-Verlag