Straßen brennen in Paris nach einem Tag der Wut

800.000 Menschen waren in Frankreich auf der Straße. Es war ein Tag der Wut gegen das System. Camilla Royle berichtet aus Paris.

Hunderttausende wütende Menschen demonstrierten auf den Straßen Frankreichs. Alleine in Paris gingen rund 100.000 Menschen auf die Straßen. Landesweit waren es 800.000.

Glasscherben und Überreste von Barrikaden waren in ganz Paris zu sehen, nachdem junge Menschen durch die Straßen gestürmt waren. Sie hatten Autos in Brand gesetzt und Geschäfte geplündert, während sie die Polizei überwältigten.

»Danke, Jugend«

Die Bewegung, die damit begann, dass junge Menschen ihre Schulen besetzen, hat inzwischen zahlreiche Studierende und Arbeiter:innen mitgerissen. Ein selbstgemachtes Plakat dankte den Schüler:innen, dass sie die Proteste ins Leben gerufen hatten: »Merci la jeunesse«, also »Danke, Jugend«.

Die Menschen lehnen sich gegen ein System auf, das ihnen keine Zukunft bietet und mit Gewalt reagiert, wenn sie versuchen, sich zu wehren.

In Paris wechselte die überwiegend junge Menge zwischen dem Anzünden von Mülleimern und Bushaltestellen einerseits und dem Begrüßen der Feuerwehrleute mit Applaus andererseits, wenn sie kamen, um die Flammen zu löschen.

Auf der Place de la République griff die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern an, noch bevor die Menschen überhaupt die Gelegenheit hatten, ihre Demonstration zu beginnen.

»Siamo tutti antifascisti«

Die berühmte Statue de la République, ein Symbol der Französischen Revolution im Zentrum der Stadt, war mit Graffiti bedeckt. Die Statue wurde von Demonstrant:innen in eine riesige gelbe Weste mit dem Logo von »Extinction Rebellion« (XR) gehüllt. Das war eine Anspielung auf die »Gelbwesten«-Bewegung, die 2018 in ganz Frankreich wie ein Lauffeuer um sich griff.

Die Menge brach in Rufe wie »Siamo tutti antifascisti«, »Wir sind alle Antifaschisten« aus. Sie skandierten: »La jeunesse emmerde le Front National«: »Die Jugend scheißt auf den Front National«, in Anspielung auf den früheren Namen des faschistischen Rassemblement National.

Einige Teilnehmer:innen nahmen mit Fahnen der »Organisation de Solidarité Trans« an dem Marsch teil, einer Gruppe, die sich für die Befreiung von Trans+ einsetzt.

Ratten, Hitze und Kälte

Die Schülerinnen Diana und Julie berichteten gegenüber dem »Socialist Worker«: »In manchen Schulen wimmelt es nur so von Ratten. Im Sommer sterben wir vor Hitze und im Winter frieren wir.

Und wir sind auch gegen die Polizei. Sie setzt Tränengas ein, schlägt auf uns ein und sagt uns, wir dürften nicht demonstrieren.«

Die beiden glaubten nicht, dass die Bewegung jetzt, da die Schulferien begonnen haben, an Schwung verlieren würde. »Es gab jeden Tag Proteste, aber dieser ist der größte, weil alle dabei sind«, sagten sie.

Cythère, eine Unterstützerin von XR, erklärt: »Den jungen Menschen ist etwas gelungen, was wir zuvor nicht geschafft haben – sie haben die verschiedenen Kämpfe zusammengeführt. Wir unterstützen die Bewegung von Anfang an und bieten Rechtsberatung an. Aber wir sind nicht hier, um sie zu beschützen. Sie wissen, was sie tun.«

Revival der Gelbwesten

Einige Gruppen in der Menge waren in gelbe Westen gekleidet. Viele von ihnen waren zu jung, um beim letzten Mal an der Bewegung teilgenommen zu haben.

Die Studentin Tess trug eine dieser Westen. Sie erklärte, dass es in den sozialen Medien Aufrufe gegeben habe, die Bewegung wiederzubeleben, da die Kraftstoffpreise noch höher seien als 2018.

Katya sagte gegenüber Socialist Worker: »Unsere Eltern haben früher mit den Westen protestiert. Es geht hauptsächlich gegen die Benzinpreise, aber jetzt tragen auch Schüler die Westen, also geht es auch um andere Dinge. Es ist ein Revival.«

Erinnerung an das Pariser Massaker gegen Algerier:innen 1961

Einige Demonstrant:innen verwendeten die Nationalflagge und die Nationalhymne. Aber viele andere schwenkten die Fahnen Palästinas, des Kongo oder Algeriens. Und auf einigen Plakaten wurde auf das Massaker vom 17. Oktober 1961 Bezug genommen. Damals verübte die Polizei ein Massaker an algerischen Demonstranten. Viele von ihnen ertranken in der Seine.

Der Student Alesio, der eine algerische Flagge trug, sagte gegenüber dem »Socialist Worker«: »Die Französische Revolution war ein Betrug. Die Bourgeoisie hat sich nur zu ihrem eigenen Vorteil gegen den Adel aufgelehnt. Wir brauchen eine neue Revolution für Gleichheit.«

In den sozialen Medien wurden zahlreiche Treffpunkte in ganz Frankreich angekündigt. Und in vielen Fällen kamen Hunderte von Menschen zusammen.

Klimakollaps und Faschismus

Emma begab sich zum Bahnhof Gare du Nord, um sich um 10 Uhr einer Demonstration anzuschließen. Die junge Künstlerin sprach mit »Socialist Worker« darüber, dass nicht genug Geld für Kultur zur Verfügung steht und es schwer ist, einen Job zu finden.

Sie macht sich Sorgen darüber, dass bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr ein Faschist gewinnen könnte, sowie über den Klimakollaps.

»Schluss mit Emmanuel Macron«, sagte sie. »Im Moment haben wir eine rechtsgerichtete Regierung. Es gibt zwei Möglichkeiten:  Faschismus oder etwas viel Besseres. Im Moment fühlt es sich so an, als stünden wir bereits mit einem Fuß im Faschismus.

Im Jahr 2050 wird es in Paris 50 Grad Celsius heiß sein. Damit kann niemand leben. Die Blätter sind im Sommer bereits abgestorben, und es gibt kein Wasser. Es muss etwas getan werden.«

Kürzungen führen zu Burnouts

Später am Vormittag schlossen sich Hunderte von Studenten den Krankenhausmitarbeiter:innen vor deren Arbeitsstätten an. Kunststudenten hatten ein riesiges Trojanisches Pferd gebaut, das sie mit hoher Geschwindigkeit durch die Straßen fuhren, während vorbeifahrende Autofahrer zur Unterstützung hupten.

Die Krankenpflegerin Ines berichtete: »Es gibt nicht genug Personal, und wir können unsere Patienten nicht versorgen. Der Zustand der öffentlichen Krankenhäuser verschlechtert sich von Jahr zu Jahr.«

Ines und ihre Kollegin sagten, sie hätten zuvor Angst gehabt, zu den Protesten zu kommen, aber sie hätten das Gefühl gehabt, dass dieser Tag wichtig sei.

Eine weitere Gesundheitsfachkraft, Amel, sagte: »Sie wollen das Budget um Milliarden Euro kürzen. Das ist eine Katastrophe. Wir sind in den Krankenhäusern bereits unterbesetzt. Das wird zu Burnouts führen.

»Die Medien berichten nur über Gewalt«

Die öffentlichen Dienste sind am Ende, und wir sind dagegen, wie die Regierung mit Polizeigewalt auf uns reagiert.

In den Medien wird nur über Gewalt berichtet. Aber ich war bei den Protesten dabei, und sie sind friedlich. Es war die Polizei, die die Spannungen geschürt hat.«

Sie erklärte, dass an ihrem medizinischen Fachbereich protestiert wurde und dies dazu beigetragen habe, die Bedingungen zu verbessern.

Amel sagte: »Im Moment protestieren wir, damit die Menschen verstehen, dass sie irgendwann streiken müssen. Aber wir können unsere Patienten nicht einfach im Stich lassen, indem wir streiken. Wir wollen nicht, dass Menschen sterben.«

Der Samstag war ein Tag der Proteste und Unruhen in ganz Frankreich und in anderen Teilen Europas. In Marseille fand eine riesige Demonstration statt. Demonstrant:innen drangen in das Rathaus ein. In Lyon setzten sie eine Zweigstelle des Fremdenverkehrsamts in Brand. In Grenoble schlossen sich Landwirte den Protesten an.

Proteste auch in Italien und Deutschland

In Italien protestierten 400.000 Schüler:innen gegen die faschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Sie haben ihre Schulen besetzt und erklärt, sie wollten es den Franzosen gleichtun.

Auch in Deutschland haben Schüler:innen begonnen, Schulen zu blockieren, um Mittel für das Bildungswesen zu fordern und sich gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu wehren.

Wenn sich die Bewegung, die vor allem aus jungen Menschen besteht, mit der Kraft der organisierten Arbeiter:innen verbindet, könnte dies tiefgreifende Veränderungen bewirken.

In Frankreich sind erste Anzeichen dafür zu erkennen. So besuchten beispielsweise Schüler:innen Anfang der Woche die Streikposten vor der Müllverbrennungsanlage in Tiru und unterstützten streikende Transportarbeiter:innen in Saint-Denis nördlich von Paris.

Wie weiter?

Einige Gewerkschaftsverbände haben sich nur zögerlich dem Kampf angeschlossen. Die Abstände zwischen den Streiks sind zu groß. Bei der Demonstration am vergangenen Dienstag marschierten Tausende Gewerkschaftsmitglieder in Paris getrennt von den Schüler:innen.

Viele einfache Arbeiter:innen erkennen jedoch die Notwendigkeit, sich mit der Jugend zu verbünden und die Bewegung zu verbreitern.

Am kommenden Samstag werden Demonstrant:innen den faschistischen RN bei dessen Parteitag in Orléans konfrontieren.

Es gibt Aufrufe zu einem Streiktag am 5. November. Die Herausforderung besteht darin, diesen an jedem Arbeitsplatz zu organisieren.

Bild: Auf den Straßen von Paris am Samstag, 17. Oktober 2026 (Foto: Guy Smallman)

Der Artikel erschien am 17. Oktober 2026 im Socialist Worker.

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