Abendlicher Protest in Albanien

Ein Fest des Widerstands in Albanien

Seit drei Monaten protestieren die Menschen in Albanien gegen des Ausverkauf ihres Landes. Mazyar R. war vor Ort und erlebte ihren langen Atem.

Die Flamingo-Bewegung in Albanien gleicht einem täglichen Fest des Widerstands. Die kontinuierliche, kreative Beteiligung vieler Menschen und Gruppen schafft feste Bestandteile und routinierte Abläufe. Während meines Aufenthalts in Tirana war ich jeden Tag bei den abendlichen Demonstrationen und führte Gespräche mit Menschen. Auf offenen Bühnen kann jede:r eine Rede halten.

Eine Protestierende beschrieb es als Gruppentherapie. Menschen jeden Alters halten Reden, hören zu und diskutieren miteinander. Sprechchöre schließen an Reden an. Es gibt Kinderbetreuung mit Malstationen. Eine Gruppe junger Aktivist:innen streamt die Versammlungen und teilt die Stimmung online. Menschen können ihre Reden und Parolen online über Discord mitteilen.

Jeden Tag ein neues Protestbild

Jeden Abend schreibt eine Gruppe von Aktivist:innen mit künstlerischen Methoden neue Botschaften oder Forderungen in großen Buchstaben auf die Straßenmitte. Drohnen nehmen diese auf und fotografieren sie. Die Regierung lässt diese Parolen tagsüber wieder entfernen. Das ermöglicht den Aktivist:innen, am nächsten Tag ein neues Bild zu gestalten.

Flamingo-Schilder und Trommeln prägen den Beginn der täglichen Demonstrationen durch Tirana. Ein Arbeiter, mittlerweile weit bekannt als »Flagg Boy«, der tagsüber Wasser verkauft, schwenkt jeden Abend an verschiedenen Stellen der Route mit kräftigen Armen die albanische Flagge.

Jeden Abend nimmt die Demonstration eine andere Route, um mit mehr Menschen in Kontakt zu kommen und sie zu mobilisieren. Anwohner:innen an ihren Fenstern oder Pendler aus ihren Autos feuern die Demos an. In Albanien ist die Palästina-Bewegung Teil der Proteste und ein freies Palästina ein Symbol des Widerstands, sodass manche Flamingos mit Kufiya geschmückt sind.

Albanien in Bewegung

Seit Mai 2026 versammeln sich jeden Abend Menschen vor Regierungsgebäuden in Albaniens Hauptstadt Tirana. Die »Flamingorevolution« richtete sich anfangs gegen den geplanten Verkauf der Insel Sazan an Ivanka Trump und Jared Kushner durch den albanischen Staatschef Edi Rama. Die Demonstrationen wandelten sich schnell in Wut gegen das gesamte politische System des Landes. Sowohl die Regierungspartei als auch die Opposition erfuhren Protest.

Die Insel Sazan liegt vor der Küste, in der Nähe des Dorfes Zvërnec. Eine Aktivistin der linken Partei Levizja Bashkë (mit lediglich einem Sitz im Parlament vertreten) berichtete, wie private Sicherheitskräfte der Baufirma des Trump-Kushner-Projektes den Protest vor Ort angriffen, während die Polizei tatenlos daneben stand. Das Video des Angriffs ging viral.

Ein weiteres Mitglied von Levizja Bashkë beschrieb die Situation: »Aufgrund unserer Vergangenheit (unter Enver Hoxha) erinnern uns Gefängnisstrafen und Festnahmen an schlimme Zeiten.«

Am 30. Mai versammelten sich Hunderte Menschen vor dem Amtssitz von Premierminister Edi Rama in Tirana. Die Stimmung war aufgeregt. Aus der Menge rief eine Person: »Rama in den Knast, Berisha in den Knast« (Rama n’burg, Berisha n’burg). Die Wut der Masse entlud sich in kämpferischen Sprechchören. Der Slogan wurde zur politischen Forderung.

Albaniens Parlament

Edi Rama ist seit 2013 Ministerpräsident Albaniens und Vorsitzender der Sozialistischen Partei (PS). Die PS ist Nachfolgepartei der Partei der Arbeit Albaniens (PdAA) unter der Herrschaft des ehemaligen Diktators Enver Hoxha. Die sozialdemokratische PS regiert alleine und hält knapp 59 Prozent der Parlamentssitze.

Sali Berisha ist Führungsfigur der konservativen Demokratischen Partei Albaniens (PD). Sie ist mit 35 Prozent des Parlaments die zweitstärkste Kraft. Beide Parteien dominieren das Parlament. Die verbleibenden vier Sitze entfallen auf drei Parteien: die liberale Mundësia (2), die sozialistische Lëvizja Bashkë (1) und die Bürgerbewegung Lëvizja Shqipëria Bëhet (1).

Gegen das politische System der Reichen

Die Menschen protestieren gegen Korruption in beiden großen Parteien. Die Regierung kooperiert mit einer Handvoll Oligarchen im Land. Viele Wirtschaftsbereiche sind unter den Oligarchen aufgeteilt und in deren Kontrolle. Dazu gehören Bauwirtschaft, Immobilien, öffentliche Infrastruktur, Tourismus, Bergbau, Energie und Treibstoff sowie die Medienlandschaft.

Die reichsten zehn Prozent besitzen die Hälfte des Reichtums im Land, während die unteren 40 Prozent – die Lohnabhängigen und Mittellosen – lediglich zehn Prozent auf sich vereinen können. Der Nettodurchschnittslohn liegt bei 700 Euro im Monat – das Nettomediangehalt lediglich bei 500 Euro. Die Rente unterscheidet sich stark zwischen der Stadt mit 190 Euro und dem Land mit 120 Euro. Die Immobilien- und Mietpreise steigen rasant. Besonders junge Menschen trifft das stark. Sogar Albaner:innen in der Diaspora veranstalten Proteste oder beteiligen sich an denen in Albanien.

Der Bau von Luxusprojekten in Naturschutzgebieten bedroht mehrere Tierarten. Mit einem Gesetz aus 2024 darf in Schutzgebieten gebaut werden, wenn es sich um »strategische Investitionen« handelt.Derzeit werden landesweit Unterschriften für ein Aufhebungsreferendum gegen dieses Gesetz gesammelt. Zu den bedrohten Tierarten gehören vor allem Flamingos, die diese Gebiete als Brutplätze nutzen. Sie sind zum Symbol der Proteste geworden.

Partei als Teil der Bewegung

In der Bewegung gibt es organisierte Gruppen wie Mitglieder oder Sympathisant:innen von Levizja Bashkë, aber auch Menschen, die individuell und ohne Organisation teilnehmen. Es besteht keine Einigkeit darüber, ob die Proteste mit oder ohne Führung weitergehen sollen.

Ein Mitglied betont die Bedeutung seiner Partei. Die Partei engagierte sich von Anfang an und hat ihre Ursprünge in Aktivitäten für Klimaschutz. Sie ist auch aktiv in der Mobilisierung an Universitäten und unterstützt unabhängige Gewerkschaften. Die beiden großen Gewerkschaften KSSH und BSPSH dagegen stehen der PS und der PD nahe. Als Folge der Proteste wurde der Instagram-Account von Levizja Bashkë abgeschaltet. Die Partei beteiligt sich jeden Abend mit Mitgliedern, Parolen und Bannern an den Protesten.

Repression und Entschlossenheit

Der albanische Staat setzt verschiedene Methoden zur Unterdrückung der Proteste ein. Teilnahme kann zur Kündigung führen. Nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für Familienmitglieder. Wasserwerfer werden gegen friedliche Demonstrationen eingesetzt, und es gibt willkürliche Festnahmen von Aktivist:innen.

Staatliche Verleumdung hat Methode. Rama bezeichnete die Proteste als Bestandteil eines »hybriden Krieges«, der von Feinden Albaniens und Israels geführt werde. Er verwies dabei explizit auf Iran. Dennoch halten sich die Proteste. Es sei das kollektive Handeln und die aktive Teilnahme so vieler Menschen, was Energie gebe.

Alles in Albanien muss sich ändern

Anfang August waren die Proteste aufgrund der Sommerferien, Familienbesuche und Semesterferien mit etwa 2.000 Menschen deutlich weniger besucht als noch zu Beginn. Aktuell werden die Proteste wieder größer und vereinen tausende Menschen.

Als ich an Tag 58 einen Teilnehmenden nach seiner Stimmung fragte, sagte er: »Wir sind es mittlerweile gewohnt, jeden Tag zu protestieren. Wir wissen nicht mehr, was wir sonst tun sollen.« Auf meine Frage: »Was willst du in Albanien ändern?« antwortete sein Mitstreiter neben ihm: »Alles!«

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