Hundert Jahre Fast 109 Jahre Balfour-Erklärung, fast achtzig Jahre Nakba, zwei Jahre Völkermord in Gaza: Rashid Khalidis »Der Hundertjährige Krieg um Palästina« liest die Gegenwart in Palästina als Fluchtpunkt einer durchgängigen kolonialen Geschichte. Ziya Dinç stellt das Buch vor.
Wer in den letzten zwei Jahren versucht hat, den Völkermord in Gaza historisch einzuordnen bzw. dessen Ursachen zu finden, hat einen merkwürdigen Befund gemacht: In der deutschen Öffentlichkeit beginnt die Geschichte des »Nahost-Konflikts« je nach Anlass am 7. Oktober 2023, 1967 oder allenfalls 1948 mit der Staatsgründung Israels. Rashid Khalidis Buch hingegen beginnt 1917.
Khalidi, palästinensisch-amerikanischer Historiker an der Columbia University und eine der renommiertesten Stimmen seines Fachs, liest die letzten hundert Jahre als einen einzigen, von den Großmächten gestützten Kolonialkrieg gegen die einheimische Bevölkerung Palästinas. Sein 2020 in den USA erschienenes Buch liegt seit 2024 auf Deutsch vor; ein eigens für die Übersetzungen verfasstes Nachwort führt die Linie bis in den Völkermord in Gaza seit Oktober 2023 hinein.
Der roter Faden kolonialer Gewalt
Das Besondere an dem Buch ist nicht nur die These, sondern wie Khalidi sie herleitet. Er gliedert die hundert Jahre in sechs Kriegserklärungen – von der Balfour-Erklärung über die Nakba, den Sechstagekrieg, Invasion des Libanon und Oslo-Abkommen bis zur Belagerung Gazas – und arbeitet ihren inneren Zusammenhang heraus. Wer das Buch liest, sieht plötzlich: Die Bilder, die im Fernsehen vorbeiziehen, haben eine Vorgeschichte, die Jahrzehnte zurückreicht. Das Massaker von Sabra und Schatila 1982 war keine Ausnahme, sondern Methode. Die UN-Resolutionen, die heute zitiert werden, haben die Palästinenser:innen schon im Moment ihrer Verabschiedung als Volk mit eigenen Rechten ignoriert.
Was die Darstellung trägt, ist eine ungewöhnliche Quelle: Khalidi gehört zu einer der führenden bürokratischen Familien Jerusalems und nutzt deren Archiv. So bekommt das Buch eine Tiefe, die akademischen Darstellungen sonst fehlt – man liest nicht nur eine Geschichte, sondern auch die Erinnerung einer Familie, die seit über einem Jahrhundert in diese Geschichte verstrickt ist.
Khalidi schont dabei niemanden, am wenigsten die palästinensische Führung. Oslo nennt er eine Kapitulation, die Palästinensische Autonomiebehörde im Effekt eine Subunternehmerin der Besatzung. Edward Said hatte das Abkommen das »Versailles der Palästinenser« genannt; Khalidi, der als Berater an den Madrider Verhandlungen teilnahm, erklärt aus eigener Anschauung, warum.
Gerechtigkeit kann es nur ohne Apartheid geben
Der politische Beitrag? Khalidi formuliert ihn ohne Pathos: »Jede Formel, die als Lösung des Konflikts vorgeschlagen wird, wird notwendigerweise und unweigerlich scheitern, wenn sie nicht auf dem Grundsatz der Gleichheit beruht.« Die Zweistaatenlösung ist für ihn eine Täuschung, die bestehende Ungleichheiten festschreibt. Hoffnung sieht er nicht in Verhandlungen »von oben«, nicht in arabischen Regierungen, nicht in bewaffneten Gruppen – sondern in regionalen Basisbewegungen wie in Kairo 2011 oder Algerien 2019. In einer Beobachtung, die im deutschen Diskurs gern unter Lautstärke und Repression verschwindet: International hat das zionistische Siedlerprojekt nach fast achtzig Jahren staatlicher Existenz seine Legitimität nicht sichern können. Im Gegenteil – während es militärisch expandiert, verliert es politisch an Boden.
Freiheit für Palästina – aber wie?
Das alleine wird das zionistische Projekt aber nicht beenden können. Dazu braucht es eine revolutionäre Erhebung der arbeitenden Klassen der Region, welche den Palästinenser:innen zur Seite springen und die israelische Besatzung Palästinas gemeinsam zerschlagen – hier bleibt Khalidi teilweise abstrakt und bezieht sich nicht konkret auf die arbeitende Klasse als jene, die nicht nur das Interesse, sondern auch die Macht zur sozialen Revolution haben.
Wer in den vergangenen Jahren das Gefühl hatte, dass die medialen Erzählungen über »Israel und Palästina« nicht mehr zur Realität passen, findet bei Khalidi eine Sprache und einen historischen Rahmen, mit dem sich wieder klar reden lässt. Das Buch ist dafür ein gutes Werkzeug.