Buchbesprechung: Die Österreichische Revolution 1918

Bei »sozialistische Revolution« denken wir wohl als Erstes an die Revolution in Russland von 1917 und die von Deutschland im folgenden Jahr. Während die eine erfolgreich durchgeführt wurde, scheiterte die andere letztendlich an dem Verrat einer Sozialdemokratie und dem Fehlen einer erfahrenen revolutionären Partei wie die der Bolschewiki. Buchbesprechung von Rosemarie Nünning

Es gab zu jener Zeit jedoch noch andere revolutionäre Erhebungen wie die in Österreich. Diese Geschichte hat sehr viel Ähnlichkeit mit der deutschen Erfahrung. David Reisinger von der österreichischen Organisation Linkswende hat Ende 2025 dazu das Buch »Österreichische Revolution. Die Rätebewegung 1914–1919« vorgelegt.

Kriegseintritt

Im Juli 1914 trat die Monarchie Österreich-Ungarn in den Ersten Weltkrieg ein. Das Habsburger Reich war ein multinationales Konglomerat aus angeschlossenen und besetzten Gebieten, wozu auch Bosnien gehörte. Hier hatte die separatistische Untergrundbewegung den österreichischen Thronfolger und seine Ehefrau erschossen. Dieses Attentat diente als Vorwand, an der Seite Deutschlands in den imperialistischen Wettbewerb um Kolonien und ausbeutbare Territorien einzutreten.

Wie in Deutschland stellte sich die Sozialdemokratie hinter die eigene herrschende Klasse. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) sagte Antikriegsdemonstrationen ab und sah zu, wie die österreichischen Arbeiter in die Schützengräben geschickt wurden und über 1 Million umkamen.

Nach anfänglicher Lähmung angesichts der Not und Unterdrückung kommt es im Jahr 1916 zu Straßenprotesten, Plünderungen und Streiks, in denen die im Krieg an die Stelle der männlichen Arbeiter getretenen Frauen eine wesentliche Rolle spielen. Ein Jahr später werden Munitions-, Metallverarbeitungs- und Maschinenfabriken von Zehntausenden Arbeiter:innen bestreikt.

Streiks und Räte

Befeuert von der Russischen Revolution und angesichts der Lebensmittelrationierung wird Österreich im Januar 1918 von dem bis dahin größten Streik mit über 700.000 Teilnehmenden erfasst, die nun auch die Beendigung des Kriegs fordern. Der Streik springt von Wien auf die ungarische Reichshälfte über, vom Daimler-Motorenwerk auf Munitionsfabriken, Straßenbahnverkehr und Druckereien.

Weder Gewerkschaften noch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) hatten solche Bewegungen zu fördern versucht. Nur ein eher anarchistisch-syndikalistisch geprägtes Netzwerk namens Revolutionäre Sozialisten betrieb unter Soldaten und Arbeiter:innen Agitation für einen Streik und rief dazu auf, sich dem Vorbild der Russischen Revolution anzuschließen.

SDAP und Gewerkschaften bemühten sich dagegen, sich an die Spitze der Streikbewegung zu stellen, um sie zu brechen. Sie riefen zur Wahl von Räten auf und besetzten diese neuen Institutionen vielfach mit eigenen Funktionären. »Die Arbeiter_innenräte standen zwischen einem von oben geschaffenen Gremium und einem von unten entstandenen Kampfverband«, schreibt David. Der Parteivorstand veröffentlichte Forderungen nach Friedensverhandlungen ohne Gebietsansprüche; Verbesserung der Versorgungslage; Wahlrecht für Gemeindevertretungen und Aufhebung der Militarisierung der Betriebe. Dem vorangestellt war: »Wenn die Regierung einwilligt.«

Die Stimmung war revolutionär, es »fehlte jedoch eine Kraft, welche dieser kollektiven revolutionären Stimmung Ausdruck verlieh«. Hätte es gefestigte größere »kommunistische Organisationen und Netzwerke der Revolutionären Sozialisten gegeben, es wäre möglich gewesen, die kampfbereitesten Arbeiter_innen von der Sozialdemokratie zu lösen«.

Der Streik brach zusammen. Die Arbeiter:innen waren für Frieden und Solidarität mit der Russischen Revolution aufgestanden, die Sozialdemokratie entschied sich für die vorläufige Rettung der Monarchie.

Die Arbeiterräte wurden später als feste Institution in das Parteistatut aufgenommen und zu politisch entleerten Vorfeldorganisationen der Partei.

Zusammenbruch der Armee

Einen Monat nach dem Januarstreik kam es zu einer kurzlebigen Meuterei auf der Kriegsflotte. Auf ein Signal hin übernahmen 6.000 Matrosen die Kontrolle über 40 Schiffe, die Hälfte der Seestreitkräfte. Sie bildeten Räte und forderten wie russische Revolutionäre Frieden ohne Annexionen. Isoliert bleibend kapitulierten die Matrosen nach zwei Tagen.

Und doch brach die Armee der Monarchie wenige Monate später vollständig zusammen. »Nationale Aufstände, Massendesertionen, revolutionäres Gedankengut – die Armee existierte nach der letzten Offensive« an dem italienischen Fluss Piave im Juni 1918 »nicht mehr«.

Österreichische Kriegsgefangene in Russland wurden von den aufständischen Zivilisten befreit. »In Petersburg und Moskau war die Revolution«, schrieb ein junger Sozialdemokrat. »Wir umarmten die Russen, sie uns.« Die Kriegsgefangenen schufen sich ihre eigenen Räte und hielten bereits im Dezember 1917 den Kongress der Kriegsgefangenenräte ab. »Teil der Diskussion war auch die Frage, wie die Revolution nach Europa zu bringen sei.«

Hunderttausende Kriegsgefangene schlossen sich den Bolschewiki an. In Österreich wurden viele später führend in der neu gegründeten Kommunistischen Partei.

Woran es jedoch mangelte, war die Verbindung der Soldaten mit einer organisierten Arbeiterbewegung. Sie schufen sich nur vereinzelt Räte. Die Sozialdemokratie gab keine Führung, sondern verhinderte das Bündnis zwischen der aufständischen arbeitenden Klasse und den meuternden Soldaten.

Widerstand der unterdrückten Nationen

Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war ein »Vielvölkerstaat« unterdrückter Nationen. Beim Vorrücken der österreichischen Armee gegen Russland hatte sie Zehntausende Zivilisten in Konzentrationslager verschleppt und Massaker begangen, um zu verhindern, dass sich Partisanenorganisationen bildeten. David nennt es einen kaum bekannten und kaum aufgearbeiteten Genozid, der auch vor dem Hintergrund eines tiefsitzenden Rassismus gegen Slawen verübt wurde.

Nach der Februarrevolution in Russland im Jahr 1917 begannen Tschechen, Slowenen, Kroaten die Unabhängigkeit von Österreich zu fordern. In Wäldern und Gebirgen sammelten sich Partisaneneinheiten, die vielfach Rückendeckung in der einheimischen Bevölkerung fanden. Aber auch hier fehlte letztendlich die Verbindung zu einer übergreifenden revolutionären Bewegung.

Die Unabhängigkeit erklärten die angegliederten Nationen schließlich nach der nicht mehr zu leugnenden militärischen Niederlage des Habsburgerreichs, nicht ohne Massendemonstrationen der tschechischen Bevölkerung, Unruhen in den Städten Ungarns und Meutereien der kroatischen Matrosen.

Umgelenkte Revolution

Der russische Revolutionäre Leo Trotzki kommentierte die Haltung der österreichischen Sozialdemokratie bissig, sie passe sich der Politik der herrschenden Klasse an, wartete ab, denn »man kann ja nicht wissen, welche Wendung die Dinge nehmen werden«. Erst bei endgültigem Zusammenbruch von Armee und Monarchie sei für sie die »revolutionäre Situation« eingetreten, für die »unser nationales Programm gedacht war«.

In dem noch bestehenden Machtvakuum kollektivierte die Bevölkerung Lebensmittellager, schloss Luxuscafés, gab Wirtshauskarten für Bedürftige aus und organisierte die Lebensmittelbeschaffung.

Hochrangige Sozialdemokraten gaben später zu, dass Arbeiter und Soldaten jederzeit »die Diktatur des Proletariats hätten aufrichten können«.

Diese Energie wurde von der provisorischen Regierung aus SDAP und Christsozialen umgelenkt in parlamentarische Wahlen, woraus im Februar 1919 ihre gemeinsame Regierung im österreichischen Kapitalismus hervorging.

Radikalere Parteien wie die Kommunistische Partei Deutschösterreichs (KPDÖ, später KPÖ) waren erst wenige Wochen zuvor gegründet worden, mit wenig Einfluss in der organisierten Arbeiter:innenbewegung.

Reform oder Revolution

David Reisinger bietet eine Menge Material zu den Ereignissen in der Habsburger Monarchie und auch bemerkenswerte Zitate wie das des deutschen Politikwissenschaftlers Christoph Butterwegge, der schrieb: »Wenn man von der Rückwirkung der Oktoberrevolution auf den Zerfall Österreich-Ungarns spricht, so kommt man zum Schluss, dass dieser Einfluss größer war als in irgendeinem Staat Europas.«

Allerdings hätten ein rigoroses Lektorat, Korrektur und übersichtliches Layout der Broschüre gutgetan. Was fehlt, ist auch eine theoretische Einordnung des Agierens insbesondere der Sozialdemokratie. Deshalb sei zum Schluss dieser Rezension Leo Trotzki zitiert, der in seiner »Geschichte der russischen Revolution« von 1930 schrieb:

»Soweit […] an der Spitze der Aufständischen keine von den Interessen und Zielen des Aufstandes durch und durch erfüllte Partei stand, musste sein Sieg unabwendbar die Macht in die Hände jener Parteien legen, die bis zum letzten Augenblick dem Aufstand entgegengewirkt hatten.

Die alte Macht stürzen – ist eines. Die Macht übernehmen – ein anderes. Die Bourgeoisie ist in der Lage, in der Revolution die Macht zu übernehmen, nicht weil sie revolutionär ist, sondern weil sie die Bourgeoisie ist: in ihren Händen befinden sich Besitz, Bildung, Presse, ein Netz von Stützpunkten, eine Hierarchie von Institutionen. Anders das Proletariat: bar jedes außerhalb seiner selbst liegenden sozialen Vorranges, kann das aufständische Proletariat nur auf seine zahlenmäßige Stärke, seine Geschlossenheit, seine Kader, seinen Stab rechnen.«

Wesentliche Theoretiker vor allem der deutschen Sozialdemokratie hatten bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu behaupten begonnen, dass der Sozialismus sich mit der Entwicklung der Produktivkräfte und den unvermeidlichen Wahlerfolgen der Sozialdemokratie schrittweise entfalten werde. Selbstaktivität der Massen konnte aus dieser Sicht zum Hindernis auf dem historischen Weg zum Sozialismus werden.

Vor diesem Hintergrund handelte auch die österreichische SDAP. Die Niederlage der deutschen wie österreichischen Revolution wurde zu einem Baustein, der später den Faschisten den Weg bereitete.

David Reisinger: Österreichische Revolution. Die Rätebewegung 1914–1919. Linkswende. 2025.

David Reisinger ist Mitglied der Organisation Linkswende in Österreich.

Rosemarie Nünning ist Mitglied von Sozialismus von unten in Deutschland.

Bildquelle: wikipedia

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