Filmbesprechung: »Palästina 36«

Annemarie Jacirs neuer Film ist nicht nur eine Geschichtsstunde. Indem er den Kampf der Palästinenser:innen gegen den britischen Kolonialismus beleuchtet, hilft er uns, die Apartheid in Israel zu verstehen. Von Phil Butland.

Der Film beginnt mit Aufnahmen aus Palästina in den 1930er Jahren: Jerusalem, Jaffa und andere Städte und Ortschaften sprühen vor Leben. Wir sehen Marktverkäufer und Männer, die Ziegen und Kamele hüten. Doch dies ist kein ländliches Hinterland. Wir sehen auch Hafenarbeiter, die in den Häfen arbeiten. Das Filmmaterial, teils alte Sepia-Archivaufnahmen, teils eigens für diesen Film gedreht, hilft, den Mythos zu widerlegen, dass Palästina vor 1948 entweder eine Wüste oder ein Land ohne Volk gewesen sei. Wer etwas anderes behauptet, irrt sich entweder oder betreibt böswillige Propaganda.

Britische Truppen sprengen palästinensische Dörfer

Die Briten kommen in »Palästina 36« nicht gut weg – und das zu Recht. Manche Soldaten lernen gerade so viel arabisch, dass sie Befehle erteilen können. Britische Truppen befehlen der Bevölkerung, ihre Dörfer zu verlassen. Dann sprengen sie die Häuser in die Luft, gleich ob die Bewohner:innen gegangen sind oder nicht.

Britisches Kolonialprojekt

Ein Brite namens Hopkins hat sich immerhin stärker mit der arabischen Kultur auseinandergesetzt. Er übt Kritik, aber er kann keine Veränderungen bewirken. Die Unterdrückung, die er in seinem Wutausbruch beschreibt, ist nicht das Ergebnis falscher Entscheidungen, sondern untrennbar mit dem britischen Kolonialprojekt verbunden. Am Ende des Films hat Hopkins seinen Posten aufgegeben und kehrt gescheitert nach Hause zurück. Als er seiner Freundin Kholoud von seiner Entscheidung erzählt, Palästina zu verlassen, versteht sie ihn. Sie sagt ihm aber, dass sie als Palästinenserin diese Möglichkeit nicht habe. Kholoud macht deutlich: »Ich bin keine Touristin« – im Gegensatz zu Hopkins.

Ein Film als Anklage

»Palästina 36« ist eine Anklage gegen die britische Besatzung Palästinas und zeigt, wie viele der heutigen Probleme lediglich eine Fortsetzung dessen sind, was seit über 90 Jahren andauert. Nach einem »terroristischen« Anschlag werden die Bewohner:innen eines benachbarten Dorfes kollektiv bestraft. Kontrollpunkte dienen dazu, die Bewegungsfreiheit einzuschränken und Zivilist:innen einzuschüchtern. Flaggen werden verboten und Mauern errichtet, um Menschen zu trennen und einzusperren. Die Israelis mögen diese Art der Unterdrückung zwar verschärft haben, vieles davon haben aber die Briten begonnen.

Doch dies ist nicht nur ein Film über britische Besatzung. In erster Linie handelt er von der palästinensischen Bevölkerung, wie sie Widerstand leistete und wie sie dazu getrieben wurde. Zu Beginn begegnen wir Hafenarbeitern, deren es hauptsächlich darum geht, genug Geld zum Überleben zu verdienen. Doch dann werden versprochene Überstundenzuschläge nicht ausgezahlt. Ein Fass, das sie an Land schleppen, fällt herunter und bricht auseinander. Waffen zum Einsatz gegen die palästinensische Bevölkerung kommen zum Vorschein. Nicht alle Personen im Film beginnen als Radikale, doch sie werden durch ihre unerträglichen Erfahrungen radikalisiert.

Wir erfahren, dass ein Generalstreik ausgerufen wurde. Die wütenden Hafenarbeiter schließen sich dem Streik an. In einem weitgehend richtigen Film hätte der Generalstreik allerdings wohl besser dargestellt werden können. Er köchelt im Hintergrund vor sich hin und wird dann, nach mehreren Monaten, wieder abgeblasen. Wir erfahren nicht wirklich, warum, und »Palästina 36« zeigt auch nicht die Art des Streiks. Handelt es sich um einen massiven Arbeitsausstand, um die Wirtschaft der Besatzungsmacht lahmzulegen? Oder sind es einfach nur Geschäftsleute, die nicht zur Arbeit erscheinen? Tatsächlich war es wohl ein bisschen von beidem, aber hier wären mehr Details hilfreich gewesen.

Klassenunterschiede und der Kampf gegen die Briten

»Palästina 36« thematisiert aber Klassenunterschiede und wie sie sich auf das Verhältnis der Menschen zum Widerstand auswirken. Während Hafenarbeiter ihre Arbeitsplätze und Bauern ihre Häuser und ihr Land verlieren, führen wohlhabende Gemeindevorsteher Gespräche darüber, wie sie mit den Briten zusammenarbeiten können. Amir, der Zeitungsredakteur, lehnt den Generalstreik ab und beginnt, eine Kolumne eines fiktiven palästinensischen Autors zu veröffentlichen. Es stellt sich heraus, dass eine zu diesem Zweck gegründete zionistische Gruppe diese Artikel verfasst hatte. Alle Palästinenser:innen leiden unter dem Kolonialismus, aber sie leiden nicht gleichermaßen.

Die Geschichte wird aus vielen Perspektiven erzählt – vielleicht zu vielen, als dass das Publikum den Überblick behalten könnte. Pater Broulos ist ein christlich-orthodoxer Priester, der philosophische Gelassenheit statt Widerstand predigt. Er ist eine der vielen, die versuchen einen Mittelweg in diesem Konflikt zu finden und daran scheitern. Allein seine Existenz verwirrt die Briten. Sie sind es gewohnt, Palästinenser:innen als muslimische Terrorist:innen zu betrachten und zu dämonisieren. Dass eine christliche Widerstandsgruppe eine Flagge mit einem Kreuz darauf entwirft, macht die Verwirrung noch größer.

Männer und Frauen kämpfen

Der palästinensische Widerstand ist nicht nur den Männern vorbehalten. Uns werden auch die Geschichten von Frauen und Mädchen erzählt, nicht zuletzt von Kholouds entschlossenem Widerstand. Es gibt eine Szene in einem Bus, in der britische Soldaten so viel Zeit damit verbringen, die männlichen Fahrgäste zu schikanieren, dass die Frauen die Waffen verstecken können, die sich im Bus befanden. Wir verbringen auch einige Zeit mit der Dorfbewohnerin Rabab, die mit ihren Eltern und ihrer Tochter Afra zusammenlebt. 

Der Film kehrt  zu Yusuf zurück, der zwischen Land und Stadt hin- und herpendelt. Zunächst interessiert sich Yusuf nicht sonderlich für Politik. Doch als sich die Lage zuspitzt und seine Familie direkt betroffen ist, fühlt er sich in den Widerstand hineingezogen. Amir versucht jedoch, Yusuf für den muslimischen Verein zu gewinnen, der von der Zionistischen Kommission gegründet wurde, um den palästinensischen Widerstand zu untergraben. Es sieht so aus, als würde Yusuf eine konterrevolutionäre Rolle spielen, bis das wirkliche Leben dazwischenkommt.

Yusufs Werdegang spiegelt sich auch in dem des Hafenarbeiters Khalid wider. Auch er war unpolitisch, bis es wegen der unbezahlten Überstunden zum Arbeitskonflikt kam. Khalids politische Entwicklung verläuft schneller als die von Yusuf. Es dauert nicht lange, bis er zu einem führenden Widerstandskämpfer wird und in Zügen Solidaritätsbeiträge von den Fahrgästen einsammelt. Das klingt wie Erpressung. In Wirklichkeit ist es ein Beweis dafür, wie groß die Unterstützung für die palästinensischen Guerillakämpfer in der breiten Bevölkerung war.

Wer beiden Konfliktparteien gerecht werden will, muss sich entscheiden

Im Verlauf des Films schwinden die Hoffnungen der Palästinenser:innen auf Gerechtigkeit. Die Peel-Kommission verkündet eine Teilung, bei der ein palästinensischer Staat abgelehnt und mehr als die Hälfte des palästinensischen Landes weggegeben wird. Palästinensische Zeitungen werden geschlossen, ihre Druckmaschinen zerstört. Britische Beamte wie Hopkins, die den Palästinensern zumindest verbale Unterstützung zugesagt hatten, müssen ihre eigene Ohnmacht erkennen. Die verschiedenen Personen, die versucht hatten, beide Seiten des Konflikts zu betrachten, sind gezwungen, eine Entscheidung zu treffen.

Einige Kritiker haben bemängelt, dass die jüdischen Siedler in diesem Film kaum vorkommen, aber dies ist nicht deren Geschichte. Siedler greifen Dorfbewohner:innen zwar an und brennen Häuser nieder, doch sie sind nicht die größte Gefahr für die Palästinenser:innen, zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht. Der Film spielt in den Jahren 1936 und 1937. Damals hatten die Palästinenser:innen vom britischen Kolonialismus weitaus mehr zu befürchten als von den noch-nicht Israelis. Die Sichtweise, wonach der Hauptfeind der palästinensischen Bevölkerung nicht die israelischen Führer, sondern ihre westlichen imperialistischen Unterstützer sind, zeugt von einer gewissen Radikalität.

Unterdrückung vor 1948

Annemarie Jacir schrieb in einem Regiestatement: »›Palästina 36‹ ist ein Historienfilm, aber ich habe ihn nie als etwas Vergangenes betrachtet. Er war immer aktuell, relevant und lebendig. Manchmal kritisch, niemals nostalgisch, immer auf der Suche. Obwohl er in einer Zeit spielt, die ich nie erlebt habe, ist ›Palästina 36‹ zutiefst persönlich. Wir wählen uns die Umstände unseres Lebens nicht aus, wir wählen uns weder den Krieg noch die Millionen schmerzhaften Momente, in denen wir lernen zu überleben. Manchmal entscheiden wir jedoch, wie wir darauf reagieren.«

In letzter Zeit hört man oft die Aussage: »Es begann nicht am 7. Oktober.« Darunter versteht man häufig, dass die Unterdrückung der Palästinenser:innen nicht mit dem militärischen Überfall der Hamas auf Israel begann, sondern mit der Nakba im Jahr 1948. »Palästina 36« zeigt, dass die Unterdrückung nicht erst 1948 begann. Die britische Einmischung in Palästina des Jahres 1936 ermöglichte erst die darauf folgenden Vertreibungen und Morde. Während Kolonien in Afrika und Asien ihre imperialen Herren stürzen konnten, gelang es dem britischen (und später dem US-amerikanischen, sowie deutschen) Imperialismus, in dieser strategisch wichtigen Ölregion einen Vasallenstaat zu erhalten.

Im Abspann des Films sind zwei Widmungen versteckt. Die erste lautet: »Für unser Volk in Gaza in den Jahren, in denen die Welt euch im Stich gelassen hat«, die zweite: »Bei den Dreharbeiten zu diesem Film wurde kein Olivenöl verschüttet.« Diese Kombination der Aussagen zeigt, wie die Regisseurin Jacir radikale Politik mit Humor verbinden kann. 

Zu den letzten Stimmen, die wir hören, gehören Sprechchöre auf Arabisch: »Nieder mit dem Kolonialismus!« und »Revolution!«. Diese Sprechchöre gewinnen wieder an Popularität. In diesem großartigen Film haben sie einen Ausdruck gefunden.

Bildnachweis: Wikipedia, Curzon film

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