Ilker Çatak posiert mit dem Goldenen Bären für den besten Film für »Gelbe Briefe« auf dem roten Teppich nach der Preisverleihung der Berlinale 2026 in Berlin

Sehenswert: »Gelbe Briefe«

Der Film »Gelbe Briefe« von İlker Çatak hat den Goldenen Bären gewonnen. Er thematisiert auf vielschichtige Weise das gesellschaftliche Ringen um freie Meinungsäußerung, besonders in Kriegszeiten. Er ist hochaktuell und es lohnt sich, ihn anzuschauen. Eine Besprechung von Francis Byrne.

Von einem Moment auf den anderen herrscht Krieg und man muss plötzlich aufpassen, was man sagt. In dieser Situation müssen sich die Schauspielerin Derya, gespielt von Özgü Namal, und ihr Ehemann, der Dramatiker und Universitätsprofessor Aziz, gespielt von Tansu Biçer, zurechtfinden.

Die Situation spitzt sich zu: Das Stück, in dem Derya die Hauptrolle spielt, wird abgesetzt, Aziz und andere Uni-Dozenten werden entlassen; offensichtlich wegen ihrer Anti-Kriegs-Aktivitäten. Die Wohnung des Paars wird polizeilich beobachtet. Der Vermieter macht sich Sorgen, nachdem die Polizei ihm vorwarf, zweifelhafte Subjekte zu beherbergen.

Ihrer finanziellen Lebensgrundlage beraubt, ziehen die beiden zu Aziz‘ Mutter nach Istanbul und müssen versuchen, sich irgendwie durchzuschlagen. Doch alte Social-Media Posts werden entdeckt und wegen vermeintlich beleidigender Inhalte strafrechtlich untersucht. Nach Festnahmen an der Uni sieht Aziz sich sogar mit einer Anklage wegen aufrührerischer Tätigkeiten konfrontiert, die ihn ins Gefängnis bringen könnte.

Die im Film dargestellte Gesellschaft ist keine offene Diktatur. Jedoch wird der massive Einbruch undemokratischer Mittel in die ansonsten scheinbar demokratische Gesellschaft gezeigt. Die demokratische Harmonie bestand nur an der Oberfläche und nur so lange, bis der Kriegsfall einsetzte. Um diesen Krieg ideologisch abzuschirmen, werden Anti-Kriegs-Stimmen bedrängt, ausgegrenzt, verfolgt.

Berlin ist Ankara, Hamburg ist Istanbul

Der Film spielt in der Türkei, mit großartigen Schauspielern – und ebenso starken Schauplätzen. Ankara wird von Berlin »gespielt«, Istanbul von Hamburg. So werden Demonstrationen in Berlin gegen den Gaza-Völkermord gezeigt. Durch diese ungewöhnliche, aber sehr gut funktionierende »Besetzung« öffnet sich der Film. Er handelt von türkischen, aber auch von deutschen Zuständen. Er könnte genauso in den USA, Frankreich oder einem anderen Land spielen.

İlker Çatak erklärt im Interview mit der Stuttgarter Zeitung: »Wir wollten bewusst nicht zu spezifisch werden, was Zeit und Ort angeht. Deswegen ist zum Beispiel auch nicht von einem bestimmten Krieg die Rede, sondern einfach von Krieg. Es ging uns darum zu vermitteln, dass sich diese Geschichte überall und zu jeder Zeit ereignen könnte.

Dass man als Künstler verfolgt und unterdrückt wird, wenn man eine andere Meinung vertritt als die, die an der Macht sind, findet heute in der Türkei statt, aber es kann auch morgen in Deutschland passieren. Es findet in den USA statt, es hat in der DDR stattgefunden und natürlich auch im Dritten Reich.«

Derya und Azis haben nicht nur politische, juristische und wirtschaftliche, sondern auch familiäre Sorgen, die bewältigt werden müssen. Sie stellen sich die Frage: Bleiben wir unseren Grundsätzen treu und arrangieren uns mit unseren neuen, eingeschränkten Lebensverhältnissen? Oder löschen wir die alten Posts, kritisieren den Krieg nicht mehr offen und lassen die Schere im Kopf gewähren, um so die Möglichkeit zu erhalten, zu früheren Erfolg zurückzufinden?

Der Goldene Bär

Dass ausgerechnet dieser Film den Hauptpreis der Berlinale, den Goldenen Bären, erhalten hat, ist großartig. Die Berlinale ist das politischste aller Filmfestivals und aus diesem Grund ist es nur schlüssig, dass in diesen kriegerischen Zeiten ein Film den Preis erhält, der das Schweigen über politische Konfrontation Linien zum Thema macht.

Andererseits ist das auch ironisch: Die Berlinale selbst ist ja im Bezug des Völkermords in Gaza zu einem zentralen Ort der Auseinandersetzung darüber geworden, wie offen der Krieg gegen die Menschen in Gaza thematisiert werden kann.

Der Vorwurf von 80 Filmschaffenden, dass politische Themen und insbesondere Gaza ausgeblendet werden, wiegt genauso schwer, wie die massive Kritik an Tricia Tuttle, der Festivalleitung, der unsinnigerweise vorgeworfen wurde, antisemitische Statements im Rahmen des Festivals zu ermöglichen. Eine mögliche Absetzung von Tuttle, wie sie ähnlich in »Gelbe Briefe« thematisiert wird, ist noch nicht vom Tisch. Auch Wim Wenders als diesjähriger Jurypräsident sorgte für einen Eklat, als er erklärte, dass Filmschaffende sich aus der Politik heraushalten sollten.


Foto: Elena Ternovaja / Wikimedia Deutschland / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 Deed – Attribution-ShareAlike 3.0 Unported – Creative Commons (Ausschnitt)

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