Der Skandal um den Sexualstraftäter und Investmentbanker Jeffrey Epstein wirft ein Schlaglicht auf die Netzwerke der Reichen und Mächtigen, die sich jeglicher demokratischer Kontrolle entziehen. Das ist kein Einzelfall, meint Thomas Walter, sondern gehört zum Kapitalismus.
»Epsteins Zirkel: Die Parallelgesellschaft der Superreichen.« So überschreibt der Capital-Autor Walter Wüllenweber seinen Artikel über Epsteins Netzwerk aus Gefälligkeiten. Inzwischen ist die Empörung über die Verbindung von gewinnbringenden Freundschaftsdiensten mit sexuellem Missbrauch und das geflissentliche Schweigen der Beteiligten darüber groß.
Bis vor kurzem galt hingegen, was Wüllenweber so zusammenfasst: »Auch für die Aristokratie von heute gilt die goldene Regel: Wir halten uns nicht an Regeln.«
Rücksichtslos und belohnt dafür
Jeffrey Epstein wurde 1953 in New York geboren. Seine Mutter war pädagogische Hilfskraft, sein Vater Gärtner. Von Beruf war er zunächst Lehrer. Seine Karriere begann, als er den Vater eines seiner Schüler so beeindruckte, dass dieser ihn an die Investmentbank Bear Stearns vermittelte.
Auch bei Bear Stearns war man von ihm beeindruckt, sodass die falschen Angaben, die er in seinem Lebenslauf gemacht hatte, seiner weiteren Karriere nicht im Wege standen. 1981 wurde er wegen Insidergeschäften gefeuert. Aber inzwischen stand sein Netzwerk.
Epstein gehörte zur Wall-Street-Szene. Geld hatte er unter anderem als Berater für »Steuervermeidung« verdient. Er konnte sich inzwischen ein Anwesen in Florida in der Reichenstadt Palm Beach leisten, in der Nachbarschaft von Donald Trump.
Sexuelle Ausbeutung mit System
1998 kaufte Epstein eine Insel in der Karibik, die er zur »Hölle« und zum »Haupttatort sexueller Ausbeutung« machte (Majid Sattar in der FAZ). Laut Aussagen von Anwälten der Opfer sammelte Jeffrey Epstein dort belastendes Material über die reichen und mächtigen »Freier«, um diese gegebenenfalls erpressen zu können. Frauen, die ihn in dieser Zeit der Vergewaltigung beschuldigten, hatten bei der Justiz keinen Erfolg.
2008 wurde Epstein schließlich wegen Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen zu 18 Monaten Haft, mit viel Freigang, verurteilt, von denen er 13 absitzen musste. Der Deal war, dass mit diesem Urteil weitere juristische Nachforschungen über frühere Anschuldigungen eingestellt wurden. Zum milden Urteil soll beigetragen haben, dass Epstein Kontakte zum US- und zum israelischen Geheimdienst hatte.
Anscheinend unangreifbar
Nach dem Urteil von 2008 war Epstein in New York als »Level 3 Sex Offender« registriert. Das bezeichnet einen Sexualstraftäter, der ein hohes Rückfallrisiko hat und eine öffentliche Bedrohung darstellt. Wer nach 2008 Kontakt mit Epstein pflegte, wusste, um wen es sich da handelt.
Dennoch ging das Ganze noch über zehn Jahre weiter. 2019 wurde Epstein schließlich angeklagt, einen Ring zur sexuellen Ausbeutung von Minderjährigen unterhalten zu haben. Epstein beging nach offizieller Darstellung im Gefängnis Selbstmord. Er hinterließ ein Vermögen von 580 Mio. Dollar.
Seine Komplizin und, laut Epstein, »Hauptfreundin« Ghislaine Maxwell wurde 2022 zu zwanzig Jahren Haft wegen Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution verurteilt. Epstein hatte sie über ihren Vater Robert Maxwell kennengelernt, ein einflussreicher britischer Medienmogul, dem Kontakte zu britischen, US-amerikanischen, russischen und israelischen Geheimdiensten nachgesagt werden.
Eine Klassenfrage
Der Epstein-Skandal offenbart schonungslos die Klassenverhältnisse: Die New York Times schreibt: »Viele der jungen Mädchen kamen aus zerrütteten Familien und armen Verhältnissen.« Wüllenweber spricht von 1000 jungen Frauen. Eine der Frauen, die die Aufklärung ins Rollen brachten, Virginia Giuffre, beging 2025 Selbstmord. Ihre Memoiren sind als »Nobody’s Girl: Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit« veröffentlicht.
Die Täter und Unterstützer:innen kamen hingegen aus der herrschenden Klasse: Banker:innen, Unternehmer:innen, Politiker:innen. In den Epstein-Akten tauchen zahlreiche Prominente als Freunde und Bekannte von Epstein auf. Besonders belastet ist der jetzige US-Präsident Donald Trump, dem zahlreiche sexuelle Straftaten in diesem Zusammenhang vorgeworfen werden. Trump wie der frühere Präsident Bill Clinton nutzten zeitweise Epsteins Privatjet »Lolita Express«.
Von Tech-Bros bis zu Intellektuellen
Zu Epsteins Kontakten aus der Wirtschaft gehörte z.B. der US-Unternehmer Peter Thiel (PayPal, Facebook, Palantir). Die Bankerin Kathryn Ruemmler trat 2026 wegen ihrer Kontakte zu Epstein von ihrer Stelle bei der Bank Goldman Sachs zurück. Bill Gates (Microsoft) soll »nach dem Sex mit russischen Mädchen« Epstein in Sachen Geschlechtskrankheit um Rat gefragt haben. Seine Ehefrau war ja in Gefahr, über ihn angesteckt zu werden. In den Akten tauchen auch Elon Musk (Tesla, SpaceX) und Larry Page (Google) auf. In Deutschland führte die Deutsche Bank den Kunden Epstein als »akzeptables Risiko«.
Laut Aktenlage soll der Linksintellektuelle Noam Chomsky noch 2019 gegenüber Epstein die »Hysterie« um den Missbrauch von Frauen beklagt haben. Auch der Physiker Stephen Hawking war auf Epsteins Insel. Beide nutzten offenbar Epsteins Netzwerk und trugen so zu seinem Schutz bei, selbst wenn ihnen (bis zum Redaktionsschluss) kein Missbrauch vorgeworfen wird.
Konkurrenz um Profite und Einfluss
Der Fall Epstein zeigt nicht nur das ungeheure Maß an Sexismus und sexistischer Gewalt auf, das viele Frauen im Kapitalismus erleben. Ein Drittel aller Frauen über 15 in Deutschland haben sexuelle oder sexualisierte Gewalt erfahren.
Der Fall wirft zudem ein Licht auf die Mechanismen des Kapitalismus. Gesetze und Regeln werden vor allem dazu eingesetzt, um die arbeitende Bevölkerung zu disziplinieren. Die Herrschenden dagegen bewegen sich in einer Parallelgesellschaft, in der diese Regeln nicht zu gelten scheinen.
Deswegen fühlten Epstein und seine Freund:innen und Partner:innen auch so sicher. Epstein und seine Netzwerke waren zugleich ein Teil und ein Produkt der entmenschlichenden, gewalttätigen und profithungrigen Funktionsweise des Kapitalismus, in dem sich die herrschende Klasse selbst schützt.
Dass es immer wieder einzelne Mitglieder der herrschenden Klasse doch erwischen kann, wie schließlich auch Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell, indem sie in die Medien geraten oder verurteilt werden und sogar ins Gefängnis kommen, hängt mit dem Konkurrenzkampf und der Hackordnung innerhalb der herrschenden Klasse ab. Epstein war hundertfacher Millionär, er spielte aber nicht in der Liga der Milliardäre. Seine Opfer, Frauen aus der arbeitenden Klasse, hatten hingegen juristisch gegen ihn von vorne herein keine Chance.
Gemeinsam kämpfen
Der Kapitalismus als Konkurrenz- und Ausbeutungssystem ist voller Jeffrey Epsteins. Wenn wir eine solidarische Gesellschaft errichten wollen, müssen wir die Mechanismen des Kapitalismus überwinden.
Dies können die Männer und Frauen aus der Arbeiterklasse nur, wenn sie sich gemeinsam organisieren und den Kampf mit den eigenen Herrschenden aufnehmen. Dieser gemeinsame Kampf wird nur gelingen, wenn der Kampf gegen Sexismus und für Frauenbefreiung ein Teil dieses gemeinsamen Klassenkampfes wird. Oder frei nach Rosa Luxemburg: Kein Sozialismus ohne Frauenbefreiung – Keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus.
Foto: PantheraLeo1359531