Eine Lehre aus den Tarifrunden im Nahverkehr, im öffentlichen Dienst der Länder und in der chemischen Industrie: Je öfter die Beschäftigten im Streik waren, desto mehr konnten sie von ihren Forderungen durchsetzen. Von Simo Dorn
Am 2. Februar 2026 standen bundesweit über 100 kommunale Verkehrsbetriebe still. In NRW folgten wochenlange Arbeitsniederlegungen, in Berlin zweitägige Warnstreiks. Die Forderungen: 12 Prozent mehr Lohn, Arbeitszeitverkürzung auf 35 bis 36 Stunden, 32 Urlaubstage, elf Stunden Ruhezeit und sechs Minuten Wendezeit an den Endhaltestellen.
Das Ergebnis: 160 Euro Einmalzahlung, 3,2 Prozent ab April 2026, 2,5 Prozent ab April 2027. Die Arbeitszeitverkürzung auf 38,5 Stunden greift erst 2028. Zuschläge steigen schrittweise, die Wendezeit gilt nur »soweit die infrastrukturellen Voraussetzungen es zulassen«. Das sind Verbesserungen. Die Arbeitszeitverkürzung ist ein Gewinn für die Beschäftigten. ver.di-Verhandlungsführer Rech sagte, das Signal der Kolleg:innen habe »Wirkung gezeigt«.
Stimmt – der Nahverkehr ist ein Sektor, in dem den Arbeitgebern mit starken Streiks Zugeständnis aufgezwungen werden können. Die Verhandlungsergebnisse sind durch den Druck der Beschäftigten erkämpft worden, nicht durch Verhandlungsgeschick. Dennoch wurden die Streiks abgebrochen, bevor diese Wirkung sich voll entfalten konnte.
TVöD: Fünf Nullmonate und nur eine knappe Mehrheit
Schon die TV-L-Runde im Februar setzte den Takt für die Abschlüsse im öffentlichen Dienst – und das Muster gleich mit. Bundesweit gingen Zehntausende auf die Straße: Großdemo in Düsseldorf am 10. Januar, Branchenstreiktage an Unikliniken, Hochschulen und Theatern, ein gemeinsamer Warnstreiktag mit dem Nahverkehr am 2. Februar. Gefordert waren 7 Prozent, mindestens aber 300 Euro auf eine Laufzeit von 12 Monaten. Die Arbeitgeber legten in den ersten beiden Verhandlungsrunden kein Angebot vor. TdL-Vorsitzender Dressel sprach von »leeren Kassen« und »überhöhten Forderungen« der Gewerkschaften.
Das Ergebnis vom 14. Februar: 5,8 Prozent in drei Stufen – 2,8 Prozent ab April 2026, 2 Prozent ab März 2027, 1 Prozent ab Januar 2028. Laufzeit: 27 Monate. Zwischen dem Auslaufen des alten Vertrags im Oktober 2025 und der ersten Erhöhung lagen fünf Nullmonate. Das ergibt am Ende eine 2,1-prozentige jährliche Lohnerhöhung über die gesamte Laufzeit. Nach den vergangenen Jahren der Reallohnverluste, war das Ziel, eine Reallohnerhöhung zu erzielen.
Wahrscheinlich weiter steigende Preise
Mit dem anhaltenden Irankrieg steigt die Wahrscheinlichkeit erneuter Preissteigerung vieler Alltagsprodukte. Die studentischen Beschäftigten, rund 200.000 an deutschen Hochschulen, wurden nicht in den Tarifvertrag aufgenommen – sie bekamen lediglich einen Mindeststundenlohn von 15,20 Euro. Die Forderung der angestellten Lehrkräfte nach einer Angleichung an die Besoldungstabelle der verbeamteten Lehrkräfte wurde auf eine unbestimmte Zeit vertagt.
In Hessen, das unter Ministerpräsident Roland Koch (CDU) zum 1. Januar 2004 aus der Tarifgemeinschaft der Länder ausgetreten ist, wiederholte sich das Bild wenige Wochen später. Vor den Verhandlungen sagte CDU-Innenminister Poseck, dass er sich am TV-L orientieren werde. Es folgten zwei Verhandlungsrunden ohne Angebot der Arbeitgeber, aber auch Warnstreiks in Marburg, Kundgebungen und Demos in Frankfurt. Gleiche Forderungen: 7 Prozent, 300 Euro, 12 Monate Laufzeit, Einbeziehung der studentischen Beschäftigten in den TV-H. Das Ergebnis: 3 Prozent ab Juli 2026, 2,8 Prozent ab Oktober 2027. Mindestens 110 Euro. 25 Monate Laufzeit. Die Studierenden bleiben weiterhin ohne Tarifvertrag.
Chemie: Reallohnverluste ohne einen Streik
In der Chemieindustrie klafft die Lücke zwischen Ankündigung und Ergebnis am weitesten. Im Dezember 2025 erklärte IGBCE-Verhandlungsführer Heinrich: »Eine Nullrunde wird es mit uns nicht geben.« 23.000 Mitglieder beteiligten sich an der Forderungsdiskussion. Vor der dritten Runde in Bad Breisig empfingen 150 Beschäftigte die Arbeitgebervertreter mit Trillerpfeifen und roten Karten. Marion Bendel, Vertrauensfrau bei BASF, fasste die Stimmung zusammen: »Wir verlieren seit Jahren an Kaufkraft. Das ist nur noch frustrierend.«
Das Ergebnis: Nullrunde für 2026. Erst ab Januar 2027 gibt es 2,1 Prozent, ab 2028 dann 2,4 Prozent auf eine Laufzeit von insgesamt 27 Monaten. Der SPDler und IGBCE-Chef Vassiliadis sprach von der »Schmerzgrenze«, BAVC-Präsidentin Scharpwinkel lobte den »wichtigen Beitrag der Sozialpartner«. Das alles – ohne einen einzigen Warnstreik.
Mobilisieren, verhandeln, einknicken
In allen drei Tariverhandlungen das gleiche Bild: Offensive Forderungen, Mobilisierung der Basis, Aktionen und Streiks – und dann ein Ergebnis, das weit hinter den Erwartungen der Beschäftigten zurückbleibt. Im Nahverkehr 12 Prozent gefordert, 5,7 auf 27 Monate bekommen. In Hessen 7 Prozent für ein Jahr gefordert, 5,8 auf 25 Monate. In der Chemie Kaufkraftstärkung gefordert, deutliche Reallohnverluste bekommen. Überall bleiben die Steigerungen knapp an der Inflationsrate – kein echter Reallohnzuwachs.
Christine Behle, stellvertretende ver.di-Vorsitzende und SPDlerin, sagte selbst, die Arbeitgeber hätten »zunächst fast jede Verbesserung verweigert«. Die Antwort der Gewerkschaftsführung: weiter verhandeln, weiter Sozialpartnerin sein. Nicht eskalieren, nicht zur Urabstimmung aufrufen, nicht eine Einigung im TVL (14. Februar) hinauszögern, um zusammen mit den Beschäftigten im TVH (Verhandlungsstart am 27. Februar) gemeinsam auf die Straße gehen, um Forderungen zu erzwingen. Dazu hätten die Verhandlungen aber deutlich politischer geführt werden müssen. In der Chemie wurde nicht einmal gestreikt.
| Aktivität | Ergebnis | |
| TVN | starke Streiks | leichte Reallohnsteigerung |
| TVL & TVH | schwache Streiks | leichte Reallohnverlust |
| TV Chemie | keine Streiks | deutlicher Reallohnverlust |
Das Muster der gegenwärtigen Tarifrunden zeigt: je mehr Aktivität und realen Zwang der Arbeitskampf der Beschäftigten entfaltete, desto mehr konnten die Beschäftigten ihre Interessen gegen die der Arbeitgeber durchsetzen.
Gegenmacht durch Streik statt Konsensmaschine
Die Erzählung der »leeren Kassen«, mit der die Arbeitgeber in allen drei Bereichen argumentieren, wurde von den Verhandlungsführenden hingenommen, statt zurückgewiesen. Wenn der Staat unbegrenzte Schulden für Aufrüstung aufnehmen kann, ist die Lohnfrage im öffentlichen Dienst – und nicht nur dort – eine politische Frage. Wer sie nicht stellt, stimmt dem Slogan der »leeren Kassen« zu.
Zu behaupten: Die Sozialdemokratie in der Regierung kontrolliert die Sozialdemokratie in den Gewerkschaften, ist zu einfach. Zwar saß im Tarifvertrag der Länder die SPD auf beiden Seiten des Verhandlungstisches, aber es gibt keine direkte Kontrolle, die von Lars Klingbeil an den DGB geschickt wird, wie zu verhandeln sei. Die Sozialdemokratie in den Gewerkschaften hält von sich aus an der »Sozialpartnerschaft« fest, weil die SPD in der Regierung ist. Das bedeutet, dass aktive und kämpferische Belegschaften Mitbestimmung und Erzwingungsstreiks ihrer Forderungen von ihren eigenen Hauptamtlichen einfordern müssen. Die Gewerkschaften sind nicht das Problem – aber ihre Führungen verschenken Potential.
Vier Tarifrunden im Herbst
Die Tarifrunden des Frühjahrs 2026 sind vorbei. Für 25 bis 27 Monate sind den Beschäftigten die Hände gebunden. Aber die nächste Bewährungsprobe steht unmittelbar bevor – und sie ist die größte des Jahres. Ende Oktober kann die IG Metall die Verträge für 3,7 Millionen Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie kündigen, die heiße Phase mit Warnstreiks beginnt traditionell im November. Fast zeitgleich laufen im Dezember die Tarifverträge in der Eisen- und Stahlindustrie aus, verhandelt Volkswagen einen Haustarif für rund 100.000 Beschäftigte und endet der Entgelttarifvertrag bei der Deutschen Post.
Vier große Tarifrunden, die sich gegenseitig verstärken können – wenn die Beschäftigten es einfordern. Die Lehre aus dem Frühjahr muss lauten: Kämpfe über Branchengrenzen hinweg verbinden, Belegschaften aktivieren und einbeziehen, sodass sie ihre Interessen gegen die Interessen der Arbeitgeber durchsetzen können. Dafür braucht es bereits im Vorfeld eine Vernetzung der Entschlossenen in den Betrieben und in den Gewerkschaften.
Titelbild: Svu Frankfurt