Ole Nymoen: »Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde«

Das Büchlein mit dem Titel »Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde« wird nachgefragt. 59 Prozent der 18- bis 29 jährigen sind gegen eine neue Wehrpflicht und Ole Nymoen liefert eine Abrechnung mit der gegenwärtigen geistigen und materiellen Mobilmachung. Wolfgang Arndt gibt einen kleinen Einblick.

Den Herrschenden, die zur Vaterlandsverteidigung aufrufen, entgegnet Ole Nymoen, dass sie jahrzehntelang von unten nach oben umverteilt haben. Erziehung, Bildung, Gesundheit und vieles mehr ist weggespart worden. Gleichzeitig wurden die Steuern für Reiche gesenkt.

»Nun heißt es aber: Schwamm drüber! Dieselben Politiker […] rufen nun zur Geschlossenheit auf, […] das Vaterland ruft und die ganze Nation soll sich gefälligst als große Interessengemeinschaft (miss-)verstehen«, schreibt er.

Diese Einheit sieht Nymoen nicht. »Ein Volk ist keine Schicksalsgemeinschaft, […]. Es ist gespalten in arm und reich, Profiteure und Verlierer der herrschenden Ordnung.«

Die Erzählung, dass die Gesellschaft eine Interessengemeinschaft wäre, diene dem Herrschaftserhalt. »Dass jeder Staat seine eigene Klassengesellschaft verwaltet, wird gern kaschiert in nationalistischen Formulierungen von ›unserem Wohlstand‹, ›unseren Steuergeldern‹, oder ›unseren Grenzen‹«.

Aber was heißt »unser« Land? Ole Nymoen zitiert aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels: »Die Arbeiter haben kein Vaterland!« Man könne ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben. Das Leben fühle sich für die meisten Menschen »nicht so an, als wären sie der Souverän und als würden sie ›selbstbestimmt‹ ihr Leben führen«.

Das Gerede von der Nation solle bloß verschleiern, dass ein »großer Teil der Bevölkerung ökonomisch machtlos [ist], während sein bescheidenes politisches Gewicht in Form vereinzelt abgegebener Stimmen lediglich dafür taugt, die nächste Regierung zu bestimmen, die die heimische Klassengesellschaft betreut.«

Deswegen kämpfe die sozialistische Arbeiterbewegung »nicht allein für die Demokratie in der politischen Sphäre, sondern auch für Demokratie in der Sphäre der Wirtschaft.« Dazu nötig wäre die Aufhebung des Privatbesitzes an den Produktionsmitteln und die Errichtung der gesellschaftliche Herrschaft über die Produktion und den geschaffenen Reichtum.

Ursache von Krieg

Für Nymoen gehören Kriege »zum Wesen von Nationalstaaten«, sie greifen »immer wieder zum Mittel der kriegerischen Gewalt«. Eine Kernthese des Buches ist, dass »Staaten sich durch permanente Gewalt nach innen wie nach außen kennzeichnen«. Wer gegen Krieg ist, müsse deshalb die Aufteilung der Welt in konkurrierende Nationalstaaten ablehnen.

Nymoen sieht gute Gründe, gegen Krieg zu sein. »Krieg bedeutet Entmenschlichung und macht Menschen zu Tötungswerkzeugen.« Deshalb verpackten die Kriegsbefürworter den Krieg  in schöne Worte: »Es wird von ›Demokratieverteidigung‹, ›feministischer Außenpolitik‹ oder von ›Arbeitsplätzen‹ gesäuselt.«

Nymoen hält fest: »Der Imperialismus des guten Gewissens hat Konjunktur – doch das sind nur neue Worte für die früheren Heldengedenken« – »wie süß und ehrenvoll es doch sei, fürs Vaterland zu sterben«. 

Imperialismus

Neben vielen guten Denkanstößen birgt das Büchlein auch Widersprüche. Ole Nymoen lehnt die Imperialismustheorie des russischen Marxisten Wladimir Lenin ab. Nach Lenin ist der Imperialismus das »höchste Stadium« des Kapitalismus. Imperialistischer Krieg ist demnach nicht die Folge der Existenz von Nationalstaaten, wie Nymoen argumentiert, sondern der Konkurrenz im Kapitalismus.

Nymoen verwirft den Zusammenhang mit dem Kapitalismus, denn: »Einige Kapitalfraktionen zehren in jedem Fall von Krieg, während ein Großteil der Wirtschaft unter ihm ächzt.«

Insbesondere den Begriff des »Finanzkapitals«, den Lenin verwendet, verweist Nymoen in das Reich der Verschwörungstheorie: »So als hätten sich einige amerikanischen Bankiers zusammengesetzt, die globalen Grenzziehungen ausgeklüngelt und diese dann an die herrschende Politik durchgegeben, damit sie gewaltsam umgesetzt werden.«

Gleichzeitig stellt Ole Nymoen fest, »[…] dass ein jeder Staat sehr genau darauf achtet, dass die heimischen Wachstumszahlen stimmen, was nur der Fall ist, solange er konkurrenzfähig bleibt.« Er beschreibt damit die Abhängigkeit des Staates von der Wirtschaft.

Weil gleichzeitig die Konzerne in der globalen Konkurrenz auf die Unterstützung »ihres« Staates angewiesen sind, kommt es zu der Verschmelzung der Interessen von Staat und Kapital – wie es im Kern die These Lenins ist.

Auch wenn Nymoen diese Formulierung als Argument gegen Lenin ins Feld führt, ist es doch richtig, dass es »nicht partikulare Kapitalinteressen [Interessen eines einzelnen Kapitalisten sind], die zum Krieg führen«. Es sind die kollektiven Kapitalinteressen, die Interessen der Superreichen eines Landes insgesamt – Lenins »Finanzkapital« –, die global profitable Anlagemöglichkeiten für ihren Reichtum suchen und verteidigen, die zum Krieg führen.

Die bürgerliche Staatsmacht und die Kapitalinteressen sind keine getrennten Dinge. Sie stehen in einer Wechselbeziehung.

An anderer Stelle schreibt der Autor: »Die Frage wie eine Gesellschaft wirtschaftet, also wie sie produziert und das Erwirtschaftete verteilt, ist die zentrale Frage eines jeden politischen Gemeinwesens.« 

Der Kapitalismus ist seit langem grenzüberschreitend und die globalen Kapitalinteressen der Konzerne werden von Nationalstaaten gebündelt und vertreten.

Veränderung

Wir brauchen eine andere Gesellschaft. »Ich wäre gern Teil einer Gesellschaft, in der es nicht als Schwäche gilt, aufeinander angewiesen zu sein […], würde gern in einer Gesellschaft leben […] in der ein jeder nicht bloß an seinen Vorteil denkt, sondern Freude daran hat, das soziale Leben gemeinsam mit anderen zu gestalten.«

»In einer solchen Welt bestünde Partizipation nicht bloß darin, alle vier Jahre ein Kreuzchen zu machen, sondern in einer kollektiven Anstrengung bei gemeinsamer Planung des Wie und Was der Produktion – aber auch in gemeinschaftlichem Ertrag«, schreibt Nymoen.

Diese Ziele mögen manchem noch als ferne Utopie erscheinen. Aber eine Alternative zu einer Welt, die geradewegs auf neue verheerende Kriege zusteuert, ist nötig und möglich. Das Buch liefert Anstöße zum Nachdenken über wichtige Fragen zum und über den bürgerlichen Staat und für eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung.

Meine Empfehlung: Vier von fünf Sternen, gut zum Verschenken.


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