Syrien, die Türkei und der Krieg gegen die Kurd:innen

Onur und Şenol, revolutionäre Sozialisten in der Türkei, sprachen mit der britischen Zeitung Socialist Worker. Von Arthur Townend.

Die Kurd:innen werden vom neuen Regime Ahmed al-Sharaas in Syrien angegriffen. Es gibt zwar einen vorläufigen Waffenstillstand, aber die syrische Regierung hat die kurdische Autonomie gewaltsam geschwächt.

Die von Kurd:innen geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) hatten während des syrischen Bürgerkriegs die Kontrolle über den Nordosten übernommen. Der ehemalige Diktator Bashar al-Assad reagierte auf die Volksrevolution im Jahr 2011 mit einem blutigen ethnischen Krieg.

Die SDF kontrollieren mittlerweile nur noch wenige wichtige Städte, nachdem sie zuvor fast ein Drittel des Landes beherrschten.

Al-Sharaa, dessen HTS-Truppen im Dezember 2024 die Assad-Diktatur stürzten, ist entschlossen, die Kontrolle des neuen Regimes über das Land zu sichern.

Dies bedeutet, dass er ethnische Spaltungen weiter anheizt – eine bevorzugte Taktik, die er von Assad übernommen hat – und alle Minderheiten angreift.

Al-Sharaa ist entschlossen, die SDF-Streitkräfte in den syrischen Staat aufzulösen. Der SDF-Führer Mazloum Abdi hat signalisiert, dass er für eine Einigung offen ist, aber er kann innerhalb der kurdischen Streitkräfte keinen Konsens finden.

Rolle der Türkei

Recep Tayyip Erdogan, der die benachbarte Türkei regiert, ist ein wichtiger Unterstützer von al-Sharra und würde von einer Untergrabung der kurdischen Autonomie in Syrien profitieren.

Der türkische Staat unterdrückt seine eigene kurdische Minderheit. Die Kurdische Arbeiterpartei (PKK), die einen Kampf gegen den türkischen Staat geführt hat, ist mit Teilen der SDF verbündet.

Die USA hatten zuvor die SDF im Bürgerkrieg unterstützt, um die Interessen des westlichen Imperialismus in der Region zu fördern. Nun haben sie jedoch die Kurd:innen vorhersehbar fallen gelassen, um Beziehungen zum Regime von al-Sharaa aufzubauen.

Die Befreiung der Kurd:innen erfordert einen Massenwiderstand von unten, unabhängig von den USA und anderen imperialistischen Mächten.

Die Regierung von Ahmed al-Sharaa hat alle Minderheiten in Syrien angegriffen. Warum greift er nun die Kurd:innen an?

Al-Sharaas Vision für Syrien ist ein autoritäres und auf ethnische Spaltung basierendes Regime. Daher betrachtet er alle Gruppen, die ein pluralistisches und säkulares Syrien fordern, als potenzielle Bedrohung – darunter auch die Kurd:innen.

Zuvor hatte er bereits die alawitische und drusische Volksgruppe angegriffen. Seine jetzigen Angriffe gegen die Kurde:innen sind jedoch darauf zurückzuführen, dass er kürzlich einen Konsens mit Akteuren, die in der Region eine Rolle spielen – den USA, Israel und der Türkei – erzielt hat.

Mit den USA vereinbarte al-Sharaa, dass keine zusätzliche Macht erforderlich ist, um gegen die Überreste des IS zu kämpfen. Bislang war dies die Aufgabe der kurdischen Streitkräfte, aber al-Sharaa erklärte, seine Regierung werde ein verlässlicher Partner sein.

Mit Israel vereinbarte er, dass er keine Probleme hinsichtlich der von Israel besetzten syrischen Gebiete wie den Golanhöhen verursachen werde.

Mit der Türkei vereinbarte al-Sharaa eine Fortsetzung der aktiven Zusammenarbeit und Unterstützung. Diese begann bereits vor dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad und wird nun im Austausch für eine Einschränkung des Einflussbereichs der SDF fortgesetzt.

Al-Sharaas Wandel im letzten Jahr – von einem Terroristen auf der Terrorliste zum Staatsoberhaupt – hat seine Angriffe innerhalb Syriens ermöglicht.

Die USA betrachten al-Sharaa als eine Kraft, die in der Lage ist, ganz Syrien zu kontrollieren – nun ziehen sie es vor, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Erdogan war während des Sturzes von Bashar al-Assad ein wichtiger Unterstützer von al-Sharaa und unterstützt nun dessen Regierung. Wird er von den anhaltenden Angriffen auf die Kurd:innen profitieren?

Aus der Sicht von Erdogan und dem türkischen Staat wurde die autonome politische Struktur der Kurd:innen in Syrien stets als existenzielle Bedrohung angesehen. Die Türkei selbst blickt auf eine lange Geschichte der Unterdrückung der Kurd:innen zurück.

Erdogans erster Friedensprozess mit den Kurd:innen in den Jahren 2013-15 endete aufgrund der Panik, die durch die kurdischen Gewinne in Rojava in Syrien ausgelöst wurde.

Die Türkei war der Ansicht, dass diese regionale Regierung, wenn sie die gleiche internationale Legitimität wie die autonome Regionalregierung Kurdistans im Irak hätte, ähnliche Forderungen in der Türkei stärken würde. Erdogan sah dies als Bedrohung für seine Regierung an.

Aus diesem Grund organisierte die Türkei 2018 und 2020 zwei groß angelegte Operationen gegen Nordostsyrien, um die dortige Kontrolle der SDF zu untergraben. Sie unterstützte viele bewaffnete Gruppen, die nun im Zentrum des neuen Regimes in Syrien stehen, und versuchte, die jüngsten Angriffe als »Befreiung« Nordostsyriens von der SDF darzustellen.

Erdogan hat einen neuen Friedensprozess mit Abdullah Öcalan und der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) begonnen. Im Mai letzten Jahres forderte Öcalan die PKK auf, ihren bewaffneten Kampf zu beenden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Friedensverhandlungen mit Öcalan und den aktuellen Maßnahmen von al-Sharaa gegen die Kurd:innen?

Für Erdogan wird die Minimierung der Kontrolle der SDF in Syrien seine eigene Position im aktuellen Friedensprozess innerhalb der Türkei stärken.

Die grundlegende Frage war, ob Öcalans Ansatz des friedlichen politischen Kampfes anstelle des bewaffneten Kampfes auch kurdische Gruppen in Syrien einschloss.

Das im März 2025 von al-Sharaa und SDF-Führer Mazloum Abdi unterzeichnete Abkommen war ein institutioneller und rechtlicher Rahmen, an den sich auch Öcalan hielt.

Erdogans AKP-Partei behauptete, die SDF habe die in diesem Abkommen geforderten Schritte verzögert. Von Anfang an versuchte Öcalan, den Prozess in den politischen Bereich zu verlagern, um Angriffe wie die derzeitigen in Syrien zu verhindern.

In den jüngsten Treffen betonte Öcalan, dass die Kämpfe in Syrien darauf abzielen, den Friedensprozess zu sabotieren.

Gibt es in der Türkei Widerstand gegen die Angriffe auf die Kurd:innen? Wie hat die Republikanische Volkspartei (CHP), die wichtigste Oppositionspartei der AKP, darauf reagiert?

Es ist vor allem die organisierte Linke, die sich gegen die Angriffe ausspricht. Die etablierten politischen Parteien können in der Kurdistanfrage keine andere politische Linie als die der Regierung vertreten.

Die Atmosphäre der »nationalen Einheit« ebnet den Weg für gewalttätige, nationalistische Angriffe gegen diejenigen, die abweichende Meinungen äußern.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit organisierten Faschisten Gegenproteste gegen die Linke.

Trotz allem hat die CHP anders reagiert als in der Vergangenheit. Der Vorsitzende Ozgur Ozel hat betont, dass alle Menschen, die in Syrien leben, Geschwister der Menschen in der Türkei sind. Das war bedeutsam.

Allerdings sind Haltungen, die die SDF mit der PKK gleichsetzen und die Angriffe des Regimes von al-Sharaa als »Kampf gegen den Terrorismus« unterstützen, weit verbreitet. Sie sind sowohl in der sozialen Basis der CHP als auch in der Mainstream-Opposition deutlich wahrnehmbar.

Die Kurd:innen wurden erneut von den USA verraten. Gibt es darüber Diskussionen?

Der Kriegsverbrecher Henry Kissinger sagte einmal: »Es mag gefährlich sein, Amerikas Feind zu sein, aber sein Freund zu sein, ist tödlich.«

Die USA betrachteten die SDF als militärischen Verbündeten in ihrem Krieg gegen den IS. Aber jetzt kann das Regime von al-Sharra diese Rolle übernehmen, und Trump schließt Abkommen, um den regionalen Einfluss der USA zu stärken.

Die meisten Kurd:innen in der Türkei sind der Meinung, dass man sich für Rojava einsetzen und sich solidarisch mit den Menschen dort zeigen sollte.

Wir müssen dafür kämpfen, dass der Friedensprozess in der Türkei so verläuft, dass die Kurd:innen ihre Rechte erhalten können. Gleichzeitig müssen wir uns gegen die jüngsten Angriffe von al-Sharaa wehren.

Was den Friedensprozess angeht, gab es von Anfang an zwei gegensätzliche Visionen. Die Vision der AKP-Regierung reduziert Frieden auf die Entwaffnung und Auflösung der PKK. Die kurdische Vision umfasst hingegen soziale Gerechtigkeit und dauerhaften Frieden.

Wir setzen uns dafür ein und fordern, dass die Türkei Maßnahmen ergreift, um den Angriffen des syrischen Regimes ein Ende zu setzen.


Dieser Artikel erschien am 24. Januar 2026 im Socialist Worker. Übersetzung von Francis Byrne.

Bild: Proteste in Solidarität mit Rojava in Mannheim (Foto von SVU Mannheim)

zum Beginn