Iran: Auf dem Pulverfass der Revolution

Seit knapp zwei Wochen erschüttert eine landesweite Protestwelle die Islamische Republik Iran bis in ihre Grundfesten. Es handelt sich um die größten Aufstände in der 46-jährigen Geschichte des Regimes, die sogar die Jin Jiyan Azadi-Bewegung von 2022/23 übertrifft. Was sich heute Bahn bricht, ist kein spontaner Ausbruch, sondern Ergebnis eines jahrelangen revolutionären Gärprozesses mit ungewissem Ausgang. Von Dorna Darabi.

Seit 2017 lodert der Widerstand von Arbeiter:innen gegen das iranische Regime immer wieder auf: Im Jahr 2017/8 gingen gewerkschaftlich organisierte Arbeiter:innen mehrere Monate in den Streik, da ihre Löhne teilweise bis zu einem halben Jahr nicht ausgezahlt wurden. Das löste eine gesellschaftliche Protestwelle aus, bei der sehr schnell das Ende der islamischen Republik gefordert wurde.

Die Ablehnung des staatlich verordneten Kopftuchzwangs war eine der zentralen Forderungen. Ähnlich wie heute wurden Banken, Moscheen und andere staatliche Einrichtungen wie Polizeistationen in Brand gesetzt.

Rätetradition

Die Arbeiter:innen der Zuckerrohrfabrik »Haft Tapeh« in der Region Khuzestan fingen an Rätestrukturen aufzubauen und forderten die Führung der Fabriken unter Kontrolle der Arbeiterräte – ein direkter Bezug zu den Shorahs (iranisch: Räte), die während der iranischen Revolution in den 70er-Jahren die Eigentumsverhältnisse in Frage stellten.

2019 folgte das nächste Aufbegehren: Teilweise bewaffnet gingen Arbeiter:innen gegen zu hohe Benzinpreise auf die Straße. Innerhalb einer Woche, bekannt als »Blutiger Aban«, ließ das Regime offiziell 1500 Menschen erschießen.

Im Folgejahr streikten Arbeiter:innen von Zeitarbeitsfirmen gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und stellten sogar stellenweise den Strom ab.

Anfang 2022 streikten Arbeiter:innen erneut. Im selben Jahr strich die Regierung Subventionen auf Lebensmittelimporte, was zu einer Vervierfachung des Preises von Grundnahrungsmitteln führte.

Frau, Leben, Freiheit

Die aufgestaute Wut erreichte im Herbst 2022 einen neuen Höhepunkt. Millionen von Menschen strömten auf die Straße, nachdem die staatliche Sittenpolizei die iranische Kurdin Jina Amini wegen ihres falsch sitzenden Kopftuchs brutal ermordete. Es folgten monatelange landesweite Proteste und (General-)Streiks, die blutig niedergeschlagen wurden. 

Die Menschen forderten die Abschaffung des Regimes und ihrer Sittenpolizei, die Enteignung des Regierungseigentums (auch der Revolutionsgarde) und die Rückführung des Reichtums in die Hände der Allgemeinheit und die Aufhebung des staatlichen Kopftuchzwangs. Es folgte eine Welle von Massenexekutionen. Das Regime versuchte mittels gesetzlicher Verschärfung der Kleiderordnung den Widerstand im Zaum zu halten. Doch viele Frauen trugen inzwischen keinen Hijab mehr im Alltag.

Knapp ein Jahr nach der Ermordung von Jina Amini und den Massenprotesten gegen das Regime wiederholte sich ihr trauriges Schicksal erneut: Das Regime tötete die 16-jährige Armita Garawand.

Der Massenaufstand bleibt wohl aufgrund der starken Repressionen und der Erschöpfung der Gesellschaft aus, doch mit »kleineren« Aktionen wie dem Singen und Tanzen auf der Straße, dem Ablegen des Hijabs, der öffentlichen Freude über den Hubschrauberabsturz des Ex-Präsidenten Ebrahim Raisi, der historisch niedrigen Wahlbeteiligung zur Präsidentschaftswahl von Pezeshkian sowie Streiks in einzelnen Branchen brennt die Glut des revolutionären Feuers weiter.

Im Mai 2025 streikten Zehntausende LKW-Fahrer mehrere Wochen gegen die Verteuerung von Einzelteilen und Treibstoff im größten Streik der Geschichte des iranischen Transportwesens.

12-Tage-Krieg, Inflation und der aktuelle Aufstand

Am 13. Juni griff Israel den Iran an. Die ohnehin schon verarmte Bevölkerung musste nicht nur Hunger, sondern auch Bomben sowie ein eisernes Durchgreifen seitens der Regierung erleiden.

Im Jahr 2025 werden nach offiziellen Angaben 1500 Menschen vom Regime hingerichtet – so viele wie seit 35 Jahren nicht mehr. Der ohnehin schon geschwächte Rial, der von März 2024 bis März 2025 innerhalb eines Jahres bereits 50 Prozent an Wert verloren hatte, gab nach dem Krieg nochmal nach.

Für die einfache Bevölkerung war die wirtschaftliche Lage vorher schon so miserabel, dass viele sich Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln oder Brot, geschweige denn Fleisch, das für die meisten inzwischen ein Luxusgut ist, nicht mehr leisten konnten. Die Lebensmittelpreise stiegen daraufhin im Jahr 2025 um nochmal 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die bittere Armut der breiten Gesellschaft, die harten Repressionen und Unfreiheit – besonders der Frauen – und der Reichtum in den Händen des Regimes und seiner Anhänger bildeten das Pulverfass. Ein kleiner Funken reichte, die gesamte Gesellschaft zum Explodieren zu bringen:

Vom Funken zum Flächenbrand

Am 28.12.2025 schlossen die Händler von Mobilfunk- und Elektronikgeräten am Teheraner Bazaar ihre Läden und gingen in einen kämpferischen Streik. Sie verbarrikadierten die Ladenfronten mit Stühlen und bedrohten wütend andere Ladenbesitzer, die den Streik brachen. Die Wut ist enorm, da sich ausländische Waren durch den rapiden Währungsverfall nicht mehr bezahlen lassen und die Regale deshalb leer bleiben.

Schnell schlossen sich Studierende, Rentnerverbände und nach anfänglichem Zögern auch Arbeiterorganisationen und kurdische Organisationen und Parteien an. Das Regime versuchte zunächst durch Konzessionen an die Bazaaris, die 1979 die soziale Basis für den Aufstieg der Mullahs waren und traditionell konservativer sind als die Arbeiter:innen, den Protest einzufangen.

Doch der Großteil der arbeitenden Menschen sowie jetzt auch die Bazaaris sind nicht mehr bereit für irgendwelche Reformen: Seit dem Scheitern der Grünen Bewegung 2009 und dem Scheitern der Reformisten wie Rohani, den das Regime zur Verhandlung des Atomabkommens mit den USA als Präsidenten wählen ließ, haben die Arbeiter:innen und Teile der unteren Mittelschicht, die unter den Folgen der Sanktionen am meisten leiden, die Hoffnung in die Reformierbarkeit des Regimes verloren.

Massenstreiks

Seit acht Jahren versuchen immer mehr Teile der Arbeiterklasse und Teile der unteren Mittelschicht das Regime zu stürzen. Aktuell gibt es Streiks und Proteste in 27 von 31 Provinzen im Iran. Besonders in den Städten Teheran, Mashhad, Kermanshah und Isfahan gehen inzwischen Millionen Menschen auf die Straße.

Das Regime greift immer härter durch – besonders in den kurdischen Provinzen wie Ilam, wo Sicherheitskräfte ein Krankenhaus umzingelten, in dem verletzte Demonstranten behandelt werden sollten. Die Menschen antworten mit dem Verbrennen von Statuen, Flaggen und Bildern von Regime-Leuten und setzen Polizeiwachen (Basen der Basiji Miliz) und Regierungsgebäude in Brand.

Zum 08. Januar riefen sieben größere kurdische Organisationen zum Generalstreik in der kurdischen Provinz auf. Wenige Tage zuvor schlossen sich einige Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter auch die Gewerkschaft der Zuckerrohrfabrikarbeiter »Haft Tapeh«, die bei den Aufständen 2017/8 eine entscheidende Rolle spielte und die Forderung nach Verstaatlichung und Rätedemokratie erhob, den Protesten an.

Diese Organisationen fordern auch heute die Enteignung der „Aghazadeh“ (Kinder des Regimes, die im Ausland in Saus und Braus leben und Partys feiern und dies öffentlich zur Schau stellen) sowie der Ayatollahs und aller Regimeschergen, die über Milliardenvermögen verfügen, während der Großteil der Gesellschaft sich nicht mehr Brot leisten kann.

Ergebnis offen

Die Forderung nach der Enteignung des Regimes geht Hand in Hand mit der Forderung nach demokratischen Grundrechten wie bspw. das Recht auf Versammlungsfreiheit und das Ende der Hinrichtungen sowie das Ende der islamischen Diktatur als solche. Das Feuer der Revolution lodert auch am 14. Tag nach Beginn der Proteste unbezwingbar weiter, und der tödlichen Repressionen zum Trotz weitet sich die revolutionäre Bewegung aus.

Zum aktuellen Zeitpunkt ist nicht absehbar, ob es der Bewegung gelingen wird, die Unterdrückungsorgane (hauptsächlich Polizei und Armee) mehrheitlich auf ihre Seite zu ziehen und das Regime zu stürzen. Viel wird von der Fähigkeit der Bewegung abhängen, die Streiks auszudehnen und darüber die beiden wichtigsten Sektoren für das Regime, den Staatsapparat und die Ölindustrie, lahmzulegen.

Dies ist der erste Teil des Artikels. Der zweite folgt in Kürze.


Bild: Die Angst überwunden: Protestierende fordern die Staatsmacht heraus. (Quelle: unbekannt)

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