Die Menschen im Südlibanon bekommen die volle Wucht der israelischen Angriffe zu spüren. Von Guy Smallman aus dem Libanon.
Der südlibanesische Bezirk Tyros hat seit Beginn des jüngsten Krieges am 2. März die Hauptlast der israelischen Angriffe zu tragen.
Durch gezielte Angriffe auf Rettungskräfte sind in den letzten Tagen zwei Feuerwehrleute ums Leben gekommen. Ihr Kommandant, Khalil Horshi von der zivilgesellschaftlichen Organisation al-Risala, sagte:
»Wir haben sieben Märtyrer, die Ziel von Angriffen wurden. Sie waren dabei, Verwundete zu retten und die Leichen Verstorbener aus den Trümmern zu bergen.
Wir koordinieren uns nun unsere eigenen Leuten mit den vielen anderen Gruppen wie dem Roten Kreuz und der Libanesischen Volkshilfsorganisation. Wir verstärken die Zusammenarbeit während dieser grausamen Aggression.«
Steht an erster Stelle: Versorgung Vertriebener und Zurückgebliebener
Wir befanden uns auf dem Hof eines großen Geländes am Rande der Stadt Tyros, wo rege Aktivität herrschte. Helfer:innen versuchten verzweifelt, die Herausforderungen der anhaltenden Flüchtlingskrise zu bewältigen. Sie bereiteten hunderte von Mahlzeiten zu und verluden Kartons mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln zur Verteilung auf einen Lastwagen.
Mortada Mohanna, der Leiter des Hilfs- und Rettungskomitees für die Provinz Tyros, verdeutlichte das enorme Ausmaß der Aufgabe, während er zwischen den Stromausfällen auf den Bildschirm seines Laptops zeigte.
»In diesem Bezirk leben etwa vierhunderttausend Einheimische sowie weitere neunzigtausend palästinensische und syrische Flüchtlinge«, sagte er. »Etwa 90 Prozent sind bereits weggegangen, aber wir versorgen derzeit über 37.000 Menschen, die noch hier sind und bei uns als mittellos registriert sind.«
Die meisten derjenigen, die zurückblieben, stammen aus ländlichen Gebieten und verfügen nicht über die Mittel, um während der Kämpfe umzusiedeln.
Mortada erklärte weiter, dass Israels Angriff vorletztes Jahr etwa 80 Prozent der landwirtschaftlichen Einkünfte zerstört hätte. Dies dürfte sich nun in noch größerem Ausmaß wiederholen. Viele lokale Bauern warten seit dem letzten Waffenstillstandsabkommen immer noch darauf, auf ihr besetztes Land entlang der Grenze zurückkehren zu können.
Bombardierung ziviler Ziele zeigt Brutalität der israelischen Angriffe
Weiter die Straße hinunter zeigte sich die Brutalität der israelischen Luftangriffe. Zu Beginn des Krieges traf eine zwei Tonnen schwere Lenkbombe das Finanzinstitut und Einkaufszentrum al-Qard al-Hassan, das der Hisbollah nahesteht.
Die Bombe hatte die Umgebung vollständig zerstört – darunter Wohnblocks, Werkstätten und das Einkaufszentrum.
Dies hatte besondere Empörung ausgelöst, da der Ort nur 200 Meter vom Jabal-Amel-Krankenhaus entfernt lag, das die umliegende Region versorgt. Das zerstörte Gebiet umfasst zahlreiche angegliederte Kliniken sowie die Wohnanlagen für Hunderte von Mitarbeitern des Gesundheitswesens und des Hilfsdienstes.
Brücke für Flüchtlinge nach Norden bombardiert
Während wir die Schäden dokumentierten, erhielt unser Fahrer die Nachricht, dass die Israelis die wichtigste Brücke für die Zufahrt von Norden nach Tyros bedrohten.
Wir schafften es gerade noch, die Brücke zu überqueren, als die libanesische Armee eintraf, um die Straße zu sperren. Als wir unser nächstes Ziel erreichten, war die al-Qasmiyeh-Brücke bereits in die darunterliegende Schlucht gestürzt.
Die Hauptverbindungen über den Litani-Fluss sind nun alle unterbrochen. Wie genau erwarten die Israelis also, dass die Menschen im Süden ihren Evakuierungsbefehlen Folge leisten?
In der Hafenstadt Saida saßen Flüchtlinge unter Planen auf Grünflächen und Kreisverkehren. Viele von ihnen stammten aus der Gegend, die wir gerade verlassen hatten.
Ein älterer Mann erzählte uns, dass sein Dorf an der Grenze Schauplatz einer heftigen Schlacht gewesen sei, die für die Israelis schlecht verlief. Er sagte, sie könnten sich im Südlibanon nicht fortbewegen, ohne unter Beschuss zu geraten.
Er sagte auch, dass der endlose Regen, der sein eigenes Elend noch verschlimmerte, für die Angreifer weitaus schlimmer sei. Ihre gepanzerten Fahrzeuge würden in dem für seine Sumpfigkeit berüchtigten Gelände an der Grenze stecken bleiben und angegriffen werden.
Unser Fahrer stammte aus Saida und führte uns auf eine düstere Tour zu den Orten der jüngsten Angriffe. Das Haus der Familie al-Tiryaqi im Stadtteil Haret Saida war eine ausgebrannte Ruine, nachdem beide Elternteile und ihre beiden Kinder bei einem Drohnenangriff getötet worden waren.
Ein Mann, wahrscheinlich Iraner, war bei einem ähnlichen Angriff im zehnten Stock des Bürogebäudes al-Naqassed ums Leben gekommen. Ein weiterer Zivilist war gestorben, nachdem sein Auto von einer Drohne verfolgt worden war. Diese hatte vier Raketen abgefeuert und dabei nahegelegene Feuerwehrfahrzeuge des Zivilschutzes auf dem historischen al-Zaatari-Platz beschädigt.
Gräueltat schockiert selbst Bewohner, die in den vergangenen Jahren viel erdulden mussten
Doch es gab eine Gräueltat, die selbst die hartgesottensten Zeugen der langen Kriegsgeschichte dieser Stadt schockiert hat.
Am Morgen des 13. März ruhten sich die Bewohner des Gebäudes Nr. 10 der al-Hibah-Siedlung im Stadtteil al-Fawwar aus. Sie hatten ihr tägliches Fasten begonnen. Es handelt sich um ein Arbeiterviertel, das hauptsächlich von schiitischen Libanesen und palästinensischen Flüchtlingen bewohnt wird.
Gegen 8.40 Uhr schlug eine gelenkte 500-Pfund-Bombe ohne Vorwarnung mitten in das Gebäude ein. Radwan Lalhib, der ursprünglich aus Palästina stammte, war gerade dabei, die endlose Arbeit der Trümmerbeseitigung auf dem Gelände fortzusetzen, als ich ihn traf. »Ich hatte mein Haus zehn Minuten vor dem Einschlag verlassen. Als ich zurück rannte, schrien alle,« sagte er.
Sein Haus lag direkt neben dem angegriffenen Häuserblock. »Ich habe meinen Sohn unter den Trümmern gefunden,« sagte Radwan. »Gott sei Dank hat er überlebt, obwohl er verschüttet war. Er ist erst 18 Jahre alt.
Zivile Opfer im Libanon
Die Decke meines Hauses lag auf dem Boden und bedeckte meinen Sohn und meine anderen Kinder. Meine Tochter Alaa lag neben ihm auf einer anderen Matratze. Ich danke Gott, dass sie das überlebt haben. Wir haben nichts getan, um so etwa zu verdienen. Wir sind alle Zivilisten.«
Radwan deutete weiter auf das Hauptgebäude. »Das ist das Haus meiner Eltern. Das ist das Zimmer meiner Mutter und das meiner behinderten Schwester«, erklärte er. »Sie wurden verletzt, aber Gott sei Dank sind sie am Leben. Jetzt arbeite ich gemeinsam mit meinen Freunden daran, das wiederaufzubauen, was ich verloren habe.
Es hat uns noch kein Ausschuss, kein Regierungsbeamter, keine Partei und keine Nichtregierungsorganisation besucht, um sich nach unseren Verlusten zu erkundigen und unsere Lage einzuschätzen. Sie haben nur die Armee geschickt, um nach Sprengstoff zu suchen, während wir vom Gebäude ferngehalten wurden. Sie sagen uns, wir sollen uns online für eine Begutachtung anmelden. Wir haben Angst, unsere persönlichen Daten preiszugeben.«
Seine Angst teilten auch andere Bewohner. Khodor, ein Libanese, sagte: »Nur drei der Opfer waren Männer. Alle stammten aus verschiedenen Haushalten, der Rest waren Frauen und Kinder. Das war definitiv ein Luftangriff. Er hat ein vierstöckiges Gebäude in zwei Hälften geteilt.«
Ihr Name ist Amar
Alle, mit denen ich sprach, betonten, dass niemand in dem Gebäude in irgendeiner Weise politisch aktiv gewesen sei. Doch 11 Menschen sind tot; ihre Gesichter sind auf einem Gedenk-Bildschirmschoner auf den Mobiltelefonen der Überlebenden zu sehen.
Inmitten des Chaos gab es eine wundersame Überlebensgeschichte. Im obersten Stockwerk über uns ragte ein Bett gefährlich aus dem Rand einer Wohnung heraus, die fast vollständig verschwunden war. Ein jüngerer Mann, der herübergerufen worden war, um mit uns zu sprechen, erzählte von seinen Erlebnissen in jener Nacht.
»Ich war in dieser Nacht hier, weil für das Viertel, in dem ich wohne, eine Evakuierungsanordnung erlassen worden war«, erinnerte er sich. »Nach der Explosion rannte ich zur Seite des Gebäudes hinunter. Dort fand ich die Menschen aus dem obersten Stockwerk liegend vor. Sie waren mitsamt ihren Möbeln durch die Druckwelle über den Hof geschleudert worden.
Als ich die Trümmer absuchte, sah ich mehrere Leichen, aber eine war noch am Leben und atmete. Es war ein Baby, ein kleines Mädchen, das noch immer in den Armen seiner Mutter lag. Ich hob sie hoch und dankte Gott, dass sie am Leben war. Ihr Name ist Amar.«
Amar bedeutet auf Libanesisch-Arabisch »Mond«.
Bild: Ausgebombtes al-Qard al-Hassan Bankenviertel und Einkaufszentrum im Südlibanon (Foto: Guy Smallman)
Der Artikel erschien am 23. März 2026 im Socialist Worker
Fotostrecke aus Beirut: https://socialistworker.co.uk/galleries/beirut-photo-diary-resilience-amid-rubble/#174228-12