Janey Stone und Donny Gluckstein widerlegen in ihrem Buch den Mythos von den »Juden als die ewigen Opfer«. Sie erzählen stattdessen die Geschichte des radikalen jüdischen Widerstands gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Darüber hinaus formulieren sie eine scharfe Kritik an Israels Staatsideologie, dem Zionismus. Gerrit Peters hat das Buch gelesen.
Die Autor:innen untersuchen zunächst das Wesen und die Entstehung des Antisemitismus sowie den Zusammenhang von Ausbeutung und Unterdrückung. Sie identifizieren Antisemitismus als Ideologie, die bewusst von den Herrschenden geschürt wird (»Die Verfolgung der Juden kam von oben«), um die arbeitende Mehrheit zu spalten und in ihren Kämpfen zu schwächen: »Die Privilegien der herrschenden Klassen und die Ausbeutung führen zu Unzufriedenheit bei den Ausgebeuteten. Die herrschenden Klassen antworten mit körperlicher Gewalt und Ideologie. Mithilfe der Ideologie lenken sie die Unzufriedenheit über die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse auf unschuldige Sündenböcke um.«
Neben der Entstehung des »modernen Judentums« untersuchen Stone und Gluckstein verschiedene politische Strömungen von Jüdinnen und Juden: »In den Jahren 1897 und 1898 wurden innerhalb weniger Monate drei verschiedene Antworten auf die Unterdrückung der Juden entwickelt, davon war der Zionismus die schwächste. Die beiden anderen waren der ›Jüdische Arbeiterbund‹ und der russische Marxismus.«
Die radikale jüdische Tradition
Im nächsten Abschnitt zeigen Stone und Gluckstein für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verschiedene Beispiele von jüdischem Widerstand. Sie nennen die Unterdrückung und Gegenwehr im zaristischen Russland, die Errungenschaften durch die Oktoberrevolution 1917 (»Die Juden verlieren ihre Ketten«), sowie die stalinistische Konterrevolution. Weiter stellen sie Arbeitskämpfe in London und den Vereinigten Staaten von Amerika und den Anstieg von Antisemitismus in Polen in den Zwischenkriegsjahren dar. Anhand von zahlreichen Statistiken widerlegen sie den Mythos vom »linken Antisemitismus«.
Hetze als Ablenkung
Hervorzuheben sind die antifaschistischen Massenmobilisierungen aus dem Londoner East End. In Zeiten von Wirtschaftskrisen und zunehmenden Arbeitskämpfen versuchten britische Politiker, die berechtigte Wut der Massen über Armut und schlechte Arbeitsbedingungen auf Jüdinnen und Juden umzulenken. Ihre antisemitische Hetze weist dabei eine verblüffende Ähnlichkeit zu aktuellen Kampagnen gegen Geflüchtete auf. In einer Parlamentsdebatte im Jahr 1893 schwadronierten konservative Politiker vom »Wachstum der jüdischen Rasse« und von »mittellosen ausländischen Einwanderern«, die das Land »überrannten«.
Antifaschistische Gegenwehr
Die Hetze führte zum Wachstum von faschistischen Organisationen. Diese versuchten zunehmend, durch Demonstrationen in Einwanderervierteln ihre Macht zu beweisen. Der wohl bekannteste Versuch eines solchen Aufmarsches ereignete sich am 4. Oktober 1936 in der Cable Street. 300.000 Gegendemonstrant:innen verwandelten den Tag jedoch in eine krachende Niederlage für die Faschisten: »Junge und Alte, Männer, Frauen und Kinder, Juden und Katholiken, Sozialisten und Kommunisten, Hafenarbeiter und Hausfrauen — alle waren vertreten unabhängig von Alter, Geschlecht, Beruf, Religion oder Ethnie.«
Während sich die assimilierten Jüdinnen und Juden aus der Oberschicht nicht gegen die rechte Hetze stellten (»Das jüdische Establishment hatte mehr Angst vor dem ›typischen Arbeiter aus Ostlondon‹ als vor der Gefahr von rechts.«), zeigten die Arbeiter:innen verschiedener Herkunft und Religion, was vereintes Handeln bewirken kann.
Der Holocaust
Im vorletzten Abschnitt des Buchs beleuchten Stone und Gluckstein die Auslöser für den Aufstieg des Faschismus in Deutschland und welche Rolle die Niederschlagung der Novemberrevolution sowie der anschließenden Arbeiteraufstände für den späteren Erfolg der Nazis hatten. Dabei gehen sie insbesondere auf die Rolle der Freikorps ein, die »Vorhut des Nazismus«. Diese brachten »jene Art von Judenfeindschaft [hervor], die später Hitlers politisches Fußvolk prägen sollte.«
Anschließend widerlegen die Autor:innen anhand zahlreicher Beispiele von jüdischem Widerstand in den Ghettos und Konzentrationslagern der Nazis die These von den »Lämmern«, die sich widerstandslos zu den »Schlachtbänken« führen ließen.
Palästina
Das Buch schließt mit einem Blick auf Palästina. Es erläutert, welchen Einfluss das Land bis 1948 auf die radikale jüdische Tradition hatte. Stone und Gluckstein bezeichnen den Zionismus als eine »separatistische, nationalistische Unabhängigkeitsbewegung« (S. 7), der es allerdings an zwei wesentlichen Bestandteilen fehlte: »ein zu befreiendes Staatsgebiet und die Unterstützung einer Bevölkerung«. Diesen »illegitimen Anfang« bezeichnen sie als Ursache für all jene Übel (Vertreibung, Apartheid und Völkermord), die Israel seitdem verübt hat. Diese stünden »im Widerspruch zu jahrhundertealten religiösen und humanistischen jüdischen Traditionen«. Sie hätten »eine Bevölkerung hervorgebracht, von der laut Meinungsumfragen 80 Prozent den Genozid unterstützen.« Die Autor:innen nennen es »die schlimmste Beleidigung«, wenn die »unschuldigen Opfer des Holocaust [mit] solchen Haltungen und einem solchen Staat« gleichgesetzt werden.
Klare Leseempfehlung
Ich selbst habe das Buch noch in der englischen Originalfassung gelesen. Ich freue mich sehr über die jetzt vorliegende deutsche Übersetzung. Diese ist bitter nötig, denn Teile der deutschen Linken lassen sich immer noch von der Erzählung täuschen, dass »ein kleiner militarisierter Staat im Nahen Osten, der andere unterdrückt«, ein wirksames Mittel im Kampf gegen Antisemitismus ist und zum Schutz jüdischen Lebens beiträgt.
»Die radikale jüdische Tradition« steht stattdessen für eine Vision auf universelle Befreiung, gänzlich frei von Ausbeutung und Unterdrückung. Darüber hinaus bietet sie Orientierung in heutigen Kämpfen. In diesen sollten wir uns, ganz im Sinne unserer jüdischen Vorkämpfer:innen, konsequent internationalistisch und anti-imperialistisch positionieren.
Donny Gluckstein und Janey Stone (2025): Die radikale jüdische Tradition. Verlag Die Buchmacherei
Bildnachweis: Die Buchmacherei